Die Schönheit der Abwesenheit und das Dreamteam Thomas Demand – Botho Strauß

Thomas Demand - Terrasse
Thomas Demand – Terrasse

Den inneren Hund names Schwein an Tagen an denen Schneesturm Daisy durch die Gassen fegt und sich jeder Schritt wie ein Kampf gegen Treibsand zu überwinden ist immer schwer. Egal wie fest man sich den Ausflug in den Kopf gesetzt hat. Umso besser, wenn es sich als gut herausstellt, dass man sich mal wieder selbst überwunden hat.

So ging es mir heute mit einem Besuch in der Nationalgalerie und der dort nur noch bis 17. Januar ausgestellten Fotokunst von Thomas Demand. Manchmal bin ich ja schon sehr banausig, und so hatte ich von dem guten Mann bis vor kurzem noch nichts gehört. Die Empfehlung einer Freundin und das Nachlesen im Netz befahlen mir dann aber doch mir die Sache mal anzusehen.

Schon die ersten paar Fotografien verwarfen jeglichen Zweifel, den ich vorher über meine Anreise gehabt hatte. Demands riesige Fotos wirken im ersten Moment wie einfache Bilder des Alltags, einfach nur schön geknipst und ausgeleuchtet. Doch hier hilft es den Hintergrund zu kennen und über das Oberflächliche hinweg zu sehen. Demand stellt alles was man sieht aus Pappe und Papier da. Das Metall der Stühle, milchiges Glas, gelbe Regenjacken – alles ist beim genaueren Hinsehen nur eine clevere Kopie der Realität. Die Perspektive macht den Unterschied, denn wer die Bilder nur aus der Ferne betrachtet, würde den Unterschied eventuell gar nicht bemerken. Ich gebe zu, bei den ersten zwei Fotos auch nicht so genau darauf geachtet zu haben. Auch die Texte von Botho Strauß, die jedes der Bilder in einen geschichtlichen, philosophischen und/oder politischen Kontext setzen, wirkten zuerst eher befremdend als erläuternd. Spätestens ab dem Werk „Studio“ hatte es mich dann aber erwischt.Die Texte und Bilder verschmolzen in meinem Gehirn zu einer ästhetischen, intellektuellen Masse. Das Zusammenspiel beider war verwirrend, bestätigend und zugleich erheiternd. In ihrer Symbiose regten beide unglaublich zum Denken an, so dass mein Kopf bald anfing zu rauschen und wissbegierig ein Werk nach dem anderen zu sehen, lesen, ja, zu studieren.

Die Abwesenheit der Menschen wurde mir bewusst und wie befremdend es doch ist, in solch real wirkenden Fotografien keine Situationen sondern Kopien dieser zu erkennen. Beängstigend, wie die Bilder die Anwesenheit des Menschen suggerieren, in dem sie Gegenstände wie halbvolle Gläser und zerknüllte Servietten  oder einfach Dingen, die man einfach aus dem Alltag kennt, wie Bushaltestellen oder Sprungtürme zeigen und doch nichts menschliches zu erkennen ist.

Die Texte Strauß‘ betonen diese Abwesenheit, schneiden Problematiken und Thematiken an, die die Hilflosigkeit und gleichzeitige Naivität der menschlichen Existenz hervorheben. Unsere Ignoranz und Arroganz wird uns vor Augen gehalten. Oft so, dass man schon wieder Lächeln muss. So hinterfragt Botho Strauß (doch zu Demands Werk namens „Badezimmer“) die menschliche Meinung über ein ständig bewusst erlebtes  Bewusstsein zu verfügen und doch nicht zu wissen, dass – wäre man sich dauerhaft seiner selbst bewusst – dies doch eher ein Fluch sei als ein Segen, würde man doch über jeden seiner Atemzüge nachdenken.

Die Symbiose aus Demand und Strauß macht die Ausstellung perfekt und sollte auch dringend als solche genossen werden. Nur mal schnell durchlaufen zählt nicht und versaut bloß den meditativen Charakter. Ich empfehle also dringend, den Schweinehund zu Hause zu lassen, und sich möglichst alleine und mit klarem Kopf die Zeit nehmen und vor dem 17. Januar noch einmal dorthin zu gehen.

Thomas Demand in der Nationalgalerie


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