Der Mensch in Bestiengestalt – Walton Fords „Bestiarium“

Walton Ford The Sensorium, 2003 Aquarell, Gouache, Bleistift und Tinte auf Papier 152.4 x 302.3 cm © Walton Ford

Wie viele Berliner tingele ich am Wochenende gerne ins Museum. Intelektuelle und ästhetische Beflügelung ist dabei das Hauptziel. Ich gebe zu, dass ich nun bei weitem kein Kunstexperte bin, aber ein bisschen verstehe ich schon von der Materie und so erhoffe ich mir auch von der besuchten Ausstellung ein gewisses Niveau, das jedoch auch nicht meinen Kunsthorizont übersteigen soll. Ich zähle mich also persönlich als Teil des künstlerisch interessierten deutschen Durchschnitts. Soviel zu mir und meiner musischen Vorkenntnis.

Genau diese sind aber wichtig zu kennen, um auch ein gewisses Verständnis für die Abgeschlagenheit aufzubringen, die ich nach (und teilweise auch schon während) meines Besuchs des Bestiarium von Walton Ford im Hamburger Bahnhof empfand. Die dort gezeigten Bilder entsprechen nun bei weitem nicht dem was dem durchschnittlichen Kunstinteressenten bekannt ist. So war mir zwar bewusst, dass im Mittelpunkt der Aquarelle Tiere stehen und das diese – zum Teil – recht menschliche Posituren einnehmen, doch der Hintergrund war mir schlichtweg nicht geläufig. Und hier, wie auch schon in der zuletzt von mir besuchten Exhibition der Bilder Thomas Demands, machte die Juxtaposition von Texten und Bildern, nicht nur die Gesamtheit, sondern auch die Wirkungsweise der Gemälde aus.


Die Bilder Walton Fords zeigen also Tiere, das ist wohl nun klar. Doch wie sie gezeigt werden ist eng mit einer geschichtlichen Kontextualisierung verbunden, in der ich Tiere zuvor noch niemals so recht betrachtet hatte. Ford stellt Ausschnitte aus der geschichtlichen und biologischen Literatur neben seine Werke bzw. scheinen letztere von diesen Texten inspiriert. So zeigen die Bilder und Texte uns eine Sichtweise des Tiers, welche uns als Haustierbesitzer und Vegetarier recht fremd geworden ist: Das Tier als Bestie. Dies scheint zumindest die Art und Weise, mit der Tiere in den letzten Jahrhunderten betrachtet wurden. Unmenschlich, unheimlich, ungeheuer. Diese Annahme wird von den Bildern Fords unterstrichen. Der altertümliche, vergilbte Touch; die sanfte Aquarell-Technik; die Bleistift-Kritzeleien, die die Tiere am Rande der Bilder benennen. Ford versetzt den Betrachter stilistisch zurück in die Jahrhunderte, die die Texte auch beschreiben. Man geht auf eine Expedition in vergangene Zeiten. Die Tiere wirken fremd, aber die Art wie sie gezeigt werden, ist es ebenfalls. Eine Entdeckungsreise durch eine Betrachtungsweise, die uns beängstigt und doch so sehr fasziniert.

So wird u.a. ein Schimpanse im Jahre 1666 in London gezeigt: Mitgebracht von einer Reise in der fernen Kolonien, glaubten die altertümlichen Briten, diese Bestie sei eine Mischung aus einem Pavian und einem Menschen. Diese Mixtur führte auch zu der Annahme, der Affe sei hochintelligent und könne die Kommunikation der Menschen erlernen. So wird der Schimpanse auch bildlich dargestellt. Angekettet, aber intelligent. Der Blick lässt den Affen wirken, als hätte er die Bücher die ihm in den gezeichneten Kerker gelegt wurden auch wirklich gelesen. Man kann sich die Mühen der Tierpfleger das Tier zum Sprechen zu bewegen nahezu bildlich vorstellen. Und man fragt sich: wer ist hier eigentlich die Bestie – Mensch oder Tier?

Dies ist nur ein Beispiel von Fords Gemälden in den Räumlichkeiten des Hamburger Bahnhof, doch es gibt einen kleinen Einblick, was der Besucher zu erwarten hat. Wer sich nicht vorher informiert, der ist überrascht, allerdings im Positiven. Eine gute und intelligente Ausstellung, die nicht nur die visuellen Sinne stimuliert, sondern auch die Durchblutung der Gehirnzellen fordert. Das ist zwar anstrengend, aber erweitert den Horizont ungemein. Toll, schlau und einzigartig. Wäre doch die Belüftung in den Sälen etwas besser… Der Kunstbedarf des Neuberliners (aber natürlich auch des alteingesessenen) wird also mehr als gedeckt und so kann ich Walton Fords „Bestiarium“ jedem Kunstinteressierten Berliner und Touristen nur weiterempfehlen.

Die Ausstellung ist noch bis zum 24.5. in der Nationalgalerie im Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwart in der Invalidenstraße 50 – 51 zu sehen.

Mehr Infos gibt es hier


3 Gedanken zu “Der Mensch in Bestiengestalt – Walton Fords „Bestiarium“

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