Dorfdisko


Die kleinstädtische Idylle hinter sich zu lassen, ist für viele ein großer Schritt. Meist nach Abi Studium oder Ausbildung begeben sich viele in die nächstgrößere Stadt oder gar in die weite Ferne um dem Dorfklüngel zu entfliehen. Es gilt etwas zu erleben, sich von dem gewohnten Abzugrenzen. Schnell scheint bei regelmäßigen Besuchen in der Heimat das gewohnte lächerlich spießig und überholt. Dies trifft vor allem oft auf die Daheimgebliebenen zu. Diese, die das Kleinstadtleben schon aufregend genug gefunden haben, die sich in der Gemeinschaft etabliert und ihren Platz gefunden haben. Ein Clash der Kulturen: der (sich hip-fühlende) Neo-Großstädter trifft auf den (ewig gestrigen) Alt-Dörfler. Beide finden ihren Lebensstil einfach besser und (vielleicht) sind beide insgeheim ein bißchen neidisch aufeinander.

Okay, es klingt stereotyp, aber trifft es nicht auf die meisten von uns zu. Wir gehen fort um uns weiterzuentwickeln. Ständig auf der Suche nach Spaß, Spannung und dem Sinn des Lebens. Erleben, Entdecken, Erreichen. Unsere Daheimgebliebenen Pendants brauchen all das nicht. Sie hatten ja schon immer Spaß und strukturieren sich ihr Umfeld so, dass es ihnen „etwas bietet“. Schließlich hat man ja nicht viel. Wir (vor allem wir Neo-Berliner) dagegen sind überwältigt von dem übermäßigen Angebot und werden fast schon träge vor lauter Auswahl. Trotzdem lächeln wir müde über die Daheimgebliebenen, die jedes Wochenende immer noch in den gleichen Clubs abhängen.

All das ist natürlich leicht überspitzt, aber wer hat sich nicht schon diese Gedanken gemacht? Beim letzten Heimatbesuch hatte auch ich mal wieder eine solche Begegnung der dritten Art. Der Dorfdiskobesuch als Konfrontation mit der eigenen Vergangenheit, Gegenwart und vielleicht sogar der Zukunft. Denn was ich hier erblickte, ließ mir schlagartig klar werden: Ich gehöre schon lange nicht mehr hierher. Die Leute sehen anders aus, verhalten sich anders. Sie haben andere Ziele und vielleicht auch Träume. Doch dieses Mal war es irgendwie anders. Wo ich sonst nur die Mundwinkel nach oben zog um über meine ehemaligen Kleinstadtkumpanen zu lächeln, fühlte ich mich recht neutral. Weder gut noch schlimm. Simple Toleranz. Sie sind so, ich so. Eigentlich wollen alle nur Spaß, auch wenn die Ansprüche sich unterscheiden. Aber verteufeln oder belächeln konnte ich sie nicht.  Mein Standpunkt auf der Achse der Zeit distanzierte sich für einen Moment um dann seinen Platz neu zu justieren. Diese Neupositionierung zeigte mir: auch ich war mal einmal so und muss mich nicht dafür schämen. Es ist ein Teil von mir, der mich zu dem macht was ich bin. Aber auch, dass ich nie wieder dazu gehöre. Ich kann die Heimat besuchen und am Leben teilnehmen. Doch ich werde immer nur der Beobachter sein, Besucher für einen Abend. Es steht mir nicht mehr zu, über die Menschen Zuhause und ihren Lebensweg zu urteilen.

Nach dieser Erkenntnis habe ich dann doch noch die Tanzfläche gerockt. Mit Freunden aus einer anderen Zeit, Musik von gestern und einem Lächeln auf den Lippen. Dieses Mal allerdings vor Freude.


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