Das Leben gegenüber

Berlin abends im WinterIch schaue aus dem Fenster hinein in ein anderes, gegenüber der von mir gerade besuchten Wohnung. Zwei kleine Mädchen sitzen dort und essen Abendbrot. Beide sind nicht älter als zehn, haben lange dunkle Haare und sind wahrscheinlich Schwestern. Süß sehen sie aus, wie sie sich ihre Brote schmieren und ihrer Mama (wie ich vermute, die ich von hier aus aber nicht sehen kann) erzählen und dabei lachen. Familie. Familie in Berlin.

Ich ertappe mich dabei, dass ich dieser Szenerie doch schon etwas länger zugeschaut habe. Fasziniert bin ich von ihr. In Gedanken stelle ich mir heimlich vor, wie unsere Kinder wohl mal aussehen. Werden es Mädchen sein oder Jungs? Haben sie unsere blauen Augen und hellen Haare? Wie viele sind es? Werden wir auch so viel Freude an ihnen haben, wenn sie in der Küche sitzen und uns von ihrem Tag erzählen?

Es ist seltsam sich das vorzustellen. So als wären wir andere Personen und nicht die, die wir jetzt sind. Ich bin Ende zwanzig. Ein Alter in dem meine Mutter lange verheiratet war und bereits zwei Kinder zur Welt gebracht hatte. Und nicht nur damals war das so. Viele meiner ehemaligen Schulfreundinnen sind verheiratet und haben eine Familie. Manche sogar schon ein Haus. Natürlich noch in der Kleinstadt, die ich einst verließ.

Es ist nicht, dass ich sie um ihr Leben beneide. Ich frage mich nur manchmal, wann ich diese Erwachsenheit, diese personifizierte Verantwortung selbst darstellen werde. Ich habe noch genug Probleme selbst auf mich aufzupassen, Ordnung zu halten, Entscheidungen zu treffen. Ein ziemlich altes Kind. Verspielt und verträumt.

Aber irgendwie dann auch doch zu erwachsen. Eigentlich ist das ganz schön. Man lebt so, wie man es sich als Kind bzw. Jugendlicher immer gewünscht hat. Geld haben (zumindest meistens), eine schöne Wohnung (wenn sie dann mal aufgeräumt ist), lange feiern und ausschlafen, immer das machen, was man will. Es ist doch irgendwie perfekt.

Und dann doch nicht. Ende zwanzig sein, bedeutet auch, dass man seinen Ratio nicht mehr ganz von seinem Hormonspiegel trennen kann. Die biologische Uhr tickt und spielt zu jeder vollen Stunde die Glockenmelodie des Familienglücks. Wenn ich ehrlich zu mir bin, mag ich diese Melodie. Ihr Lied kann ich noch nicht mitsingen, aber anhören tue ich es mir gern. Ich habe noch Zeit ein wenig selbst ein Kind zu sein. Und trotzdem schaue ich gerne über den Hof hinüber und freue mich auf die Zeit, wenn es dann so weit ist.


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s