Nur in deinem Kopf

auf reisenIch sitze im Zug und reise einmal quer durch das Land.
Reisen im öffentlichen Verkehr, egal ob per Flugzeug oder Zug, finde ich immer sehr spannend, weil man hier sehr bequem die besten Sozialstudien führen kann – natürlich nur wenn man gerade dazu Lust hat. Heute komme ich quasi gar nicht um eine solche herum, denn die mit mir anwesenden sind durchaus interessante Objekte meiner Investigationsreise in das Innere des Menschen.

Auch wenn das jetzt garantiert keine revolutionäre Erkenntnis ist, wundere ich mich doch, wie sehr sich alle Menschen voneinander unterscheiden. Das äußert sich alleine schon daran, dass meine Mitreisenden ganz unterschiedlichen Beschäftigungen frönen, während sie eine fünfstündige Fahrt von Berlin ins Rheinland tätigen.

Das Mädchen neben mir (Mädchen ist gut, sie ist bestimmt so alt wie ich) schreibt sehr beherzt Tagebuch in schöner Mädchenschrift. Zumindest nehme ich an, das es ein Tagebuch ist, denn sie schaut vertraut nach draußen und irgendwie scheint sie mir auch der Typ Mensch, der seine Gedanken in ein echtes Buch aus Papier schreibt – einfach nur für sich. Es ist ein hübsches Buch, beklebt mit Blumen und auch neben ihre schreibschriftlich verfassten Texte, hat sie ab und an aus Zeitschriften ausgeschnittene Bilder geklebt. Gerne würde ich sie fragen, was sie da so schreibt, aber ich fühle mich schon als Eindringling, jetzt da ich sie nur dabei beobachte.

Vor mir sitzt ein junger Mann mit Baseball-Cap und arbeitet auf seinem Windowslaptop. Daran ist jetzt eigentlich nichts besonders, denn ich mache das annehmbar gerade auch. Beim Aufstehen habe ich allerdings gesehen, dass er gerade programmiert. Das finde ich irgendwie toll. Wahrscheinlich hauptsächlich, weil meine Programmierversuche bei HTML anfingen und mit Java während des Studiums kläglich gescheitert sind.

Schräg rechts vor mir sitzt eher so der Standardtyp. Vermutlich Anfang/Mitte zwanzig, Kapuzenpulli und asymetrischer Normalo-Haarschnitt, der pausenlos auf sein iPhone schaut. Ich schätze, dass er Facebook auswendig lernt und sehnsüchtig auf die Fußball-Ergebnisse seiner Kicker-App wartet. Er sieht saumäßig gelangweilt aus.

Dann bin da ich. Ich wollte eigentlich an meinem Buch weiterschreiben, bevor ich begann meine Mitmenschen zu beobachten und einfach begonnen habe einen Text über sie zu schreiben. Aber das wissen die anderen natürlich nicht. Auch sie denken wahrscheinlich, dass ich gerade arbeite und zwar an einem Paper für die Uni, weil ich so einen hässlichen, alten Rechner habe.

Ich stelle fest, eigentlich weiß ich gar nichts über die Menschen, die mit mir gemeinsam an einem Ziel ankommen wollen.
Was bleibt, ist der Gedanke, wie anders sie doch sie. Wie sehr alle Menschen sich doch voneinander unterscheiden und wie wenig man über sie wissen kann, egal wie gut man jemanden kennt.

Wärme packt mich, denn ich weiß, dass es Menschen gibt, die gar nicht so anders sind als ich. Menschen, die im gleichen Moment das gleiche denken, das gleiche gerne mögen und hassen. Es gibt sogar einen darunter, der immer die gleiche Fritte essen will, wenn wir uns eine Portion Pommes teilen, der zu circa 80% seines Lebens, das gleiche denkt und fühlt – mein Seelenverwandter. Trotzdem würden auch wir hier im Zug nicht das gleiche tun um uns die Zeit zu vertreiben. Er würde vielleicht ein Computerspiel spielen, während ich ein Buch lesen.

Ich beschließe, dass ich Andersartigkeit der anderen Menschen schätze und die drei Mitreisenden jetzt einfach total nett und gut finde. Wer weiß, ob sie nicht gerade das gleiche denken wie ich.


3 Gedanken zu “Nur in deinem Kopf

  1. voll schön geschrieben, dottore wendy. ich kenne so gedanken. ich frage mich immer, was die menschen um mich herum wohl für autos fahren und warum. und was sie beruflich tun. als letztens ein handwerker zu mir sagte „sie arbeiten bestimmt in einer bank“ hab ich mich aber schon ob seiner einschätzung gewundert. nun gut, als er das sagte lag er gerade unter einer spüle und schraubte… vielleicht seh ich von unten seriöser aus.

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