Zeitreisen

2013-02-20 15.06.00

In die Heimat reisen, an den Ort an dem man aufgewachsen ist, den man aber schon lange hinter sich gelassen hat, um an einem anderen Ort seine neue Heimat aufzubauen, ist für mich immer auch eine Reise in die Vergangenheit gewesen. Etwas, dass ich hinter mir gelassen habe, weil ich es so wollte. Dort befindet sich die Familie, die mich groß gezogen hat, das Haus in dem ich lebtes, mein Zimmer, meine Schule und auch eine Bushaltestelle an der ich immer mit meinen Homies abgehangen hab (Ich komm vom Dorf, bei mir war das so!).

Jeder sprichwörtliche „kleine Stein“ – soweit er dann noch existiert – hat sich mit meinen Erinnerungen verbunden, zu einem neuen chemischen Element fernab von der existierenden Realität. Ja, genau das habe ich bei meinem letzten Heimatbesuch bemerken müssen. Etwas hatte sich für mich geändert. Die Gestalt, die ich diesem kleinen Stein schenke, wenn ich über all die guten und schlechten Erlebnisse aus meiner Vergangenheit nachdenke, die ich ihm zuteile, weicht in Wahrheit ab von seiner aktuellen Wirklichkeit.

Nehmen wir die Bushaltestelle. In meiner Jugend war sie für mich ein Platz an dem ich meine Freunde traf, bei Wind und Wetter ziemlich ziellos herum hing und heimlich Zigaretten rauchte, ohne jemals ihren eigentlichen Zweck zu nutzen (außer vielleicht dem Schutz vor dem bereits genannten Wind und Wetter), nämlich in einen der vielen vorbeifahrenden Busse zu steigen und in einen andere Stadt zu fahren. Sehe ich diese Bushaltestelle heute, weiß ich, dass sie eigentlich nur für mich und meine damaligen Freunde ein solcher Platz gewesen war. Heute ist sie einfach eine Bushaltestelle und erfüllt wieder ganz und gar ihren Zweck. Ich steige ein, weg bin ich.

Irgendwie ist das mit allem in der Heimat so, muss ich feststellen. Egal ob Mensch oder Ding: Sie sind nicht mehr die Inhalte meiner Vergangenheit. Vielleicht in meinen Gedanken, aber nicht mehr in ihrem aktuellen Zustand. Sie haben ihre eigene Vergangenheit, aber in der existieren sie prinzipiell nicht mehr (Und ich hoffe auch schwer, dass sie nicht mehr in ihr leben). Sie habe sich weiter entwickelt, sind jetzt die Dinge und Personen, die sie jetzt sind – jeden Moment neu. Genauso verhält es sich mit mir. Ich bin zwar die Person, die ich jetzt bin, weil ich mich anhand meiner Vergangenheit entwickelt habe, aber ich bin nicht mehr die, die ich gestern war. Die Menschen, die mich unterwegs dahin geprägt haben, gehören alle zu mir, genau jetzt. Ich kann also endlich aufhören, meine Reisen in die Heimat als Zeitreisen zu betrachten. Sie sind es nicht, sie sind vielmehr Reisen zu den Menschen, die ich liebe.


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