Daisy // Kurzgeschichte

Ich stehe vor dem Fahrstuhl und warte geduldig bis er sich langsam zu mir herunter bewegt hat um mich und sich dann, ebenso langsam und leicht ächzend wegen des zusätzlichen Gewichts, wieder hinauf zu tragen. Der Weg in den sechsten Stock ist lang, beschwerlich und in meinem Gesundheits-, oder soll ich Krankheitszustand sagen, eher mit Ausdauersport als mit alltäglicher Bewegung zu vergleichen. Ich war an diesem Morgen nicht alleine aufgewacht. Eine starke Hitze und ein hartnäckiger Schmerz hatten sich zu mir unter die Bettdecke gesellt – die gemeinen Vorboten eines hinterlistigen Infekts. Mit mir war nichts anzufangen gewesen. Daher auch meine Geduld. Ich bin ja so oder so krank und habe keine Eile, denke ich. Werde schon nicht sterben, versichere ich mir zusätzlich. Ich röchele also vor mich hin und starre in die Leere, während der Lift sich mit einem gemächlichen Countdown vom Obergeschoss bis zu mir bewegt. Dann gesellt er sich zu mir.

Die Haustür des herrschaftlichen Berliner Mehrfamiliengebäudes öffnet sich und für einen Moment bin ich geblendet von dem hellen Tageslicht, das mit der eintretenden Person den Flur erleuchtet. Meine Augen sind auch nicht wirklich fit, sage ich mir. Mit dem Licht betritt, wie gesagt, eine weitere Person den Flur. Als die Tür sich durch den dafür vorgesehenen Mechanismus von selbst schließt und den Hausflur wieder mit seiner indirekten Beleuchtung durch das milchige Glas, welches die Tür einrahmt, alleine lässt, erkenne ich die Person als äußerst klein geratenen Greis.

Der Mann wirkt alt, sehr alt, und erinnert an einen der Zwerge aus dem letzten Hobbit-Film, denn er ist tatsächlich noch kürzer als ich es bin (und ich bin schon sehr klein!) und seine rote Knollennase hat auch nur entfernt menschliche Züge. Er ist hager und sieht ungewaschen aus, auf seinem fettigen langem Haar trägt er einen Anglerhut, den bis zur Brust reichenden Bart hält er mir einem Haargummi zusammen. Bizarr!

Beschwerlich schlürft er auf mich zu, die linke Schulter und damit die gesamte Körperhälfte leicht gen Boden geneigt. Dann sehe ich, was seine unnatürliche Körperhaltung beeinflusst: Eine dunkelblaue Sporttasche aus Polyacryl, an den Nähten hellblau abgesetzt, wahrscheinlich mal im Angebot bei Aldi erstanden. Freundlich lächele ich ihm zu. Ich bin immer freundlich, aber zu alten Menschen immer noch viel lieber, das haben mich meine Eltern so gelehrt.

„Tag!“, sagt er gleich und ich entgegne es ihm, während der Fahrstul gerade vor mir angekommen und sich geöffnet hat. „Auch nach oben?“, frage ich nachdem ich den runden Knopf mit der schwarzen 6 gedrückt habe, der sich rot erleuchtet um mir zu versichern, wo es lang geht. „Jau!“, bestätigt mir der Greis mit einer Stimme, die nach vielen gerauchten Zigaretten klingt. „Auf zum Arzt! Ist ja auch kein Wunder bei dem Wetter, nicht?“ Ich nicke nur.

„Nicht wahr, Daisy?“ Er beugt sich plötzlich zu seiner Tasche, die er auf den Liftboden gestellt hat und fängt mit ihr an zu reden: Fast dachte ich schon, er würde mit mir sprechen. Ich schäme mich ein wenig, weil ich im beinahe geantwortet hätte und werde rot. Ihm ist das egal und rot war mein Gesicht dank der Krankheit auch vorher schon. Er öffnet den Reißverschluss und ich sehe einen Zopf aus braunen Haar der kurz hervorblitzt, dann zwei haarige spitze Ohren und zwei dunkelbraune Knopfaugen: Ein kleiner Yorkshire-Terrier.

„Frierst du, Daisy? Ja, wir sind krank, nicht?“, fragt der alte Mann.

„Ja, arm, krank!“, sagt der Hund auf einmal mit einer piepsigen Kinderstimme. Spinne ich? Hat der Hund gerade geredet? Ich gucke den Mann verwirrt an, der ignoriert mich aber und spricht weiter mit dem kleinen Hündchen.

„Jetzt sind wir gleich da, kleine Daisy, und ich muss die Tasche schließen.“

„Will nicht!“

Da! Schon wieder. Ich bin noch verwirrter, werde langsam nervös, denn die Sache ist ziemlich unheimlich. Ich traue mich nicht, den Mann zu fragen, schaue ihn aber fragend an. Er guckt nicht, denn er schließt gerade die Tasche und Daisy verschwindet wieder. Ich muss es mir eingebildet haben, beschwichtige ich mich. Du bist krank. Fieberwahn oder so. Zum Glück hält der Fahrstul gerade an seinem Ziel an und wir verlassen ihn hintereinander und betreten die Arztpraxis, so dass ich mich nicht mehr damit beschäftigen muss, was ich gerade gehört habe.

Ich komme direkt an die Reihe, weil ich schlauerweise vorher schon angerufen hatte. Meine Hausärztin untersucht mich und stellt hohes Fieber bei mir fest. Grippe wahrscheinlich. Ich bin eleichtert, der sprechende Hund muss eine Wahnvorstellung gewesen sein.

Nachdem ich mich von der Ärztin verabschiedet und am Empfang mein Rezept abgeholt habe, muss ich noch einmal kurz ins Wartezimmer um dort meinen Mantel aufzugabeln, den ich dort am Kleiderständer hinterlassen habe. Im Zimmer sitzt der Alte und hält Daisy auf dem Arm.

Ich bin weiterhin freundlich und nicke ihm noch ein nettes „Tschüs!“ entgegen.

„Chau!“, sagt Daisy und Ich erschrecke. Der Greis grinst nur, hält seinen Zeigefinger vor dem Mund und huscht mit ein leises „Schhhh.::“ entgegen, als wolle er mich und den Hund ermahnen lieber nichts mehr zu sagen.


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