Die Sache mit der Zeit (und warum wir vermeintlich immer so verdammt wenig davon haben)

UhrIn meiner Transitionsphase von einem Lebensabschnitt zum nächsten stoße ich immer wieder auf die gleiche Problematik. Ich nenne sie hier vereinfacht „Die Sache mit der Zeit“. Immer wieder verspüre ich die Angst zu wenig Zeit für gewisse Sachen zu besitzen, die Zeit zu verschwenden oder die beste Zeit bereits verpasst zu haben. Ich weiß, ich bin damit nicht alleine.

Zeit spielt immer eine große Rolle im Leben der Menschen. Laut der Definition auf Wikipedia beschreibt Zeit „die Abfolge von Ereignissen, hat also im Gegensatz zu anderen physikalischen Größen eine eindeutige, unumkehrbare Richtung.“ Unumkehrbar. Nur ein Wort braucht es um sich der Brisanz des Problems „Zeit“ vor Augen bewusst zu werden.

Zeit führt uns unsere Endlichkeit vor Augen. Sie schreitet voran ohne uns um Erlaubnis zu fragen. Wir können sie nicht zurückdrehen noch können wir ihr wirklich voraus sein – zumindest sehr selten, aber das ist eine andere Geschichte. Wir müssen ihrem Diktat Folge leisten, hat der Tag doch nur eine gewisse Anzahl an Stunden, und sind diese bis ans Ende unseres Lebens doch mehr oder weniger gezählt. Gerade deshalb wollen wir jede Minute, die wir haben, in vollen Zügen nutzen und genießen – zumindest wenn wir immer könnten, wie wir wollten.

In der Umsetzung sieht die Sache mit der Zeit nämlich leider ganz anders aus, denn das Leben ist ja nicht nur um des Lebens Willen für den puren Hedonismus da. Betrachtet man uns Menschen als die hochentwickelten Tiere, die wir nun mal sind, brauchen wir zuerst einmal schon sehr viel Zeit dafür unsere grundlegenden Bedürfnisse zu stillen.
Vielleicht bin ich nicht auf dem neuesten Stand der Sozialpsychologie, doch für mich stellt Maslows Bedürfnishierarchie immer noch ganz gut dar, worum es uns Menschen im Leben gehen sollte. Übersetzt und abstrahiert bedeuten Maslows Stufen: Wir wollen essen, lieben, Geld verdienen, wohnen, Freundschaften pflegen und so weiter. Haben wir alles das erreicht und sind am oberen Ende angekommen, wollen wir dann sogar noch mehr: Wir wollen uns selbst verwirklichen – wie auch immer das aussehen mag.

Soweit die Theorie, doch steht diese auch hier mal wieder im Konflikt mit der Praxis. Schaut man sich diese an, könnte man nämlich den Eindruck bekommen, dass wir mittlerweile schon so weit sind, dass wir sehr früh lieber mit der Spitze der Hierarchie beginnen wollen anstatt uns zuerst um den Rest zu kümmern – zumindest in der westlichen Welt.
Das kann uns ja auch keiner verübeln. Schließlich werden wir in ein Umfeld geboren, in dem wir relativ automatisch die ersten drei Stufen schon befriedigt haben ohne etwas dafür zu tun. Und im Idealfall hält das auch noch an, bis wir schon selbst gut für uns sorgen können. Demnach können wir uns auch in jungen Jahren schon mit individuellen Zielen und Träumen der Selbstverwirklichung beschäftigen – zumindest glauben wir, dass es so sein sollte.

Ich selbst bin so ein Fall. Blicke ich auf die letzten 30 Jahre meines Lebens zurück, habe ich eigentlich immer nur selbstverliebte Ziele im Kopf gehabt. Schon meine ersten Berufswünsche (Ballerina oder Musicalstar) hatten herzlich wenig mit der Realität zu tun. Und sogar heute noch ist mir meine Selbstverwirklichung immer extrem wichtig. Natürlich ist mir nach und nach klar geworden, dass ich etwas ordentliches Lernen muss um mir den bequemen Lebensstil, den ich habe und somit auch meine Hoffnung auf Selbstverwirklichung, weiterhin zu ermöglichen. Trotzdem kämpfen beide Dinge immer noch beherzt miteinander.

Womit ich wieder zur Sache mit der Zeit komme. Denn egal wie sehr ich am liebsten immer nur schreiben möchte: Ich muss mich erst einmal auf die Basics konzentrieren. Ich brauche einen Job, der mir meine körperlichen und Sicherheitsbedürfnisse garantiert. Ich brauche Zeit um diesen Bedürfnissen nachzugehen und um mich meiner Familie und meinen Freunden zu widmen. Erst dann sollten meine Träume dran sein.
Es kommt mitunter vor, dass ich genau das aus den Augen verliere und beginne, mich über diesen Mangel an Zeit für mich zu beschweren oder verlorener Zeit hinterher zu weinen.

Doch ich habe etwas gelernt: Zu Leben, Mensch zu sein bedeutet mehr als das. Ich bin immer noch in einer sehr privilegierten Situation, in der ich mich dafür entscheiden kann, wofür ich Zeit habe. Aber ich habe mir auch geschworen, besser, ja verantwortungsvoller mit der Zeit umzugehen. Ich stelle nun also diesen Beitrag online, mache den Computer aus und wünsche euch allen einen schönen Abend – hoffentlich mit viel Zeit.


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