Die Hauptstadt der Rufenden

Fahrrad Berlin Skyline Sonnenuntergang
Es ist ein Freitagabend. Im Juli. Im Hochsommer. Wir sitzen auf dem Balkon. Ich genieße die Aussicht auf den Abendhimmel, der gerade sein Zartgelb gegen ein dunkles Graublau eintauscht. Ich freue mich über die Schwalben, die zwischen den Häusern hin- und herfliegen, über das satte Grün der Blätter an den Bäumen unter uns. Eine großstädtische Idylle in der sogar das brummende Geräusch der Straße seinen Platz hat, ohne zu stören. Doch plötzlich, ganz plötzlich sind sie wieder da und sie zerreißen die Idylle so leicht, wie ein Blatt Papier. Sie sind die Rufenden, genauer gesagt, die Stimmen der Rufenden.

Seitdem ich hier lebe, gehören die Rufenden zum Alltag in meiner Wohngegend an der Grenze zum Berliner Touristenkiez. Sie sind viele, kommen täglich, kennen weder Jahres- noch Uhrzeiten. Man kann auch nicht sagen, dass sie ein bestimmtes Geschlecht, einen bestimmten Status oder ein bestimmtes Alter haben. Rufen kann jeder.

Sie wissen nicht von meiner Existenz. Sie wissen nicht, dass ich sie höre. Wahrscheinlich denken sie im Moment ihres Rufens an überhaupt nichts und niemanden, außer an sich selbst und das was sie mit ihrem Rufen erreichen wollen. Doch sie werden gehört. Man kann sie gar nicht überhören. Ohne es zu wollen, ersetzen sie die Rufe der Vögel, nehmen ihren eigenen Klangraum ein.

In den letzten Jahren habe ich die Rufenden zu unterscheiden gelernt, so wie ein Ornithologie das Singen der Vögel. Der Gesang der Rufenden ist jedoch nur laut und leider niemals so lieblich. Wahrscheinlich weil ich verstehe, worum es den Rufenden geht. Sie rufen sich etwas zu, weil sie sich über Meter hinweg unterhalten wollen, z.B. weil sie Fahrrad oder Longboard fahren. Sie rufen „Wuhuuuu!“, weil sie gerade von der Partystimmung Berlins gepackt wurden. Sie rufen „Ey!“, „Ruhe!“ oder „Piss da nicht hin, ey!“, weil sie sich ärgern. Sie pöbeln sich an, weil sie besoffen und/oder aggressiv sind. Sie rufen ihre Kinder, weil sie zum Essen kommen sollen. Sie rufen ihre Eltern, weil sie hungrig sind. Sie rufen und rufen. Sie vergessen dabei, dass man sie hören kann. Oder wollen sie vielleicht sogar gehört werden?

Egal warum sie rufen, ich werde ihnen weiter zuhören – ob ich nun will oder nicht. Letztlich kann ich nur hoffen, dass sie alle mit ihrem Rufen ihr Ziel erreichen. In Berlin haben sie anscheinend zumindest schon einmal ihre Heimat gefunden. Die Hauptstadt der Rufenden.


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