Die Frau mit dem Akkordeon

Ein x-beliebiger Bahnhof irgendwo in Berlin-Mitte
Jeden Morgen, wenn ich müde die Bahn verlasse, höre ich sie schon: Die Klänge des Akkordeons. Das Akkordeon gehört zu einer Frau von – vermutlich – osteuropäischer Herkunft mit blondgfärbten Haaren. Jeden Morgen sitzt sie an der gleichen Stelle auf einer Decke, und spielt eine ähnliche Melodie. Sie spielt für Geld.
Sie ist keine Pennerin, sieht nicht heruntergekommen aus. Sie macht das auch nicht alleine für sich. Das weiß ich, weil sie manchmal nicht alleine ist. Die Frau mit dem Akkordeon hat Kinder. In den Ferien saß manchmal morgens ein Junge bei ihr. Jetzt, wo die Schule wieder begonnen hat, hält er manchmal nachmittags ihren Platz, wenn sie kurz weg ist. Er hat eine Schultasche dabei, das heißt, er lernt. Vielleicht um einmal mehr zu werden als ein Akkordeonspieler.
Obwohl ich die Frau mit dem Akkordeon nicht kenne, bewundere ich sie. Sie ist so fleißig, sitzt jeden Tag dort, als wäre es ein richtiger Job. Ich frage mich, wieso eine Frau wie sie keine Anstellung hat mit Sozial- und Krankenversicherung und allem Drum und Dran. Ob sie nicht kann, nicht will, oder einfach keine andere Chance hat? Ich weiß es nicht, doch ich wette, dass sie jeden Cent, den sie verdient in ihre Kinder steckt. Die sehen nämlich gepflegt aus und gehen, wie gesagt, zur Schule. Sie passt so gar nicht in das Bild, dass man von Bettlern hat. Deshalb sehe ich sie wahrscheinlich auch nicht so. Für mich ist sie ein Durchschnittsmensch mit einem außergewöhnlichen Beruf, aber auch noch ein wenig mehr. Sie ist für mich wie die Verkäuferin beim Bäcker früher, die man kennt und mag, einfach nur, weil man sich jeden Tag sieht. Dabei leistet die Frau mit dem Akkordeon eigentlich nichts für mein Leben, außer dass sie da ist und Musik spielt. Trotzdem mag ich sie und ich würde sie vermissen, wäre sie eines Morgens nicht mehr da. Und weil ich sie mag und ich ihren Fleiß nicht jeden Tag mit Geld honorieren will, schenke ich ihr etwas Anderes.
Jeden Morgen, wenn ich sie sehe, und sie zufällig gerade zu mir blickt, wenn ich vorbeigehe, sage ich ihr ein freundliches „Guten Morgen“. Sie kennt das nun schon, lächelt und grüßt mich zurück. Mich die Frau mit dem roten Mantel.
Es ist vielleicht keine große Geste, doch ich weiß, sie freut sich, denn sie weiß, dass ich sie als Mensch sehe, dass ich sie respektiere.


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