Cytausendvierzehn // Kurzgeschichte

Unterarm, Slide to UnlockWie jeden Tag öffnete Mari Sondergeld voller Vorfreude die Augen. Nicht weil das Licht der Sonne sie berührte, sondern weil das wundervolle Gefühl der Elektrizität durch ihren Körper fuhr und einen neuen, verbundenen Tag versprach. Das sanfte Prickeln breitete sich von ihrem Gerät über die Haut in alle Winkel ihrer biologischen Hülle aus und kitzelte sie angenehm aus dem Schlaf. Liebevoll streichelte sie mit dem Zeigefinger ihrer rechten Hand über das Smartphone in ihrem Arm als wolle sie ihm für seine Anwesenheit in ihrem Körper danken.

Eines Morgens vor vielen Monaten, war sie vom Klingeln der Radio-App ihres Smartphones aufgewacht und hatte beim Griff danach mit Erstaunen festgestellt, dass es nicht an seinem Platz lag, sondern mit ihrem Arm zusammengewachsen war. Da wo am Vorabend noch das blanke Fleisch der Innenseite ihres linken Unterarms pulsiert hatte, steckte das Gerät nun so selbstverständlich fest als ob es immer schon ein Teil ihres Körpers gewesen wäre. Sie wusste nicht genau warum, aber die Tatsache hatte sie niemals sonderlich erschrocken oder gar besorgt. Das Gerät war ihr schließlich schon immer viel näher gewesen als jedes andere Objekt, das sie je besessen hatte. Es drückte nicht, es tat nicht weh, irgendwie komplettierte es sie sogar. So als wäre ein wichtiges Organ in ihren Leib zurückgekehrt, nachdem sie es für eine Weile jemand anderem geliehen hatte. Statt sich also über diesen neuen Körperteil zu wundern, hatte sie die Tatsache einfach akzeptiert.

Genauso war es den vielen anderen gegangen, denen in der gleichen Nacht ihr Lieblingsgerät in den Körper gewachsen war. Nur wenige hatten sich verstört geäußert, von einer unheimlichen Macht fantasiert, die den Menschen ihren Verstand raube und sie Stück für Stück zu Maschinen mache. Doch dies waren nur Spinner, die den Zusammengewachsenen ihre liebgewonnene Einheit madig machen wollten. Genau wie die anderen war Mari glücklich so. Wenigstens das konnte ihr niemand nehmen.
Wie jeden Morgen öffnete sie auch an diesem, noch im Bett liegend, ihre Lieblings-Social Media-App und verband sich mit dem Kollektiv. Zum Kollektiv gehörten alle, die ebenfalls Zusammengewachsene waren, also alle Menschen die in der „Nacht der Einheit“, wie man das Ereignis allgemein nannte, ein Smartphone oder Tablet besessen hatten – mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung.

Im Kollektiv teilten alle ständig mit, was sie gerade dachten, taten, mochten oder hassten. Heute schien ein Tag wie jeder andere zu sein, an dem sich das Kollektiv auf ein beliebtes Diskussionsthema gestürzt hatte. Es ging darum, ob Zusammengewachsene, deren Gerät nicht mehr funktionierte, trotzdem noch ein Teil des Kollektivs sein dürften. Wie immer war eine Gruppe dafür, eine dagegen, und der Rest äußerte sich abfällig über die, die eine Seite einnahmen. Mari las alles aufmerksam, bestätigte ein paar Äußerungen mit einem Stern oder einem Daumen hoch, konnte sich aber nicht recht zu einer eigenen Meinung bewegen. Das war ungewöhnlich, denn wenn man zum Kollektiv gehörte, hatte man immer eine Meinung. Doch seltsamerweise konnte sie sich heute einfach nicht entscheiden. Obwohl es ihr unheimlich war, versuchte sie nicht weiter darüber nachzudenken. Im Kollektiv löste sich das meiste von alleine.

Stattdessen stand sie auf und ging ins Bad. Während sie ihre biologischen Bestandteile reinigte, blieb sie mit dem Kollektiv verbunden, widmete sich jetzt allerdings einer Auswahl an Katzenbildern. Nachdem sie ihre Energiezufuhr durch ein Stück Brot und einen Kaffee erledigt hatte, machte sie sich auf zur Arbeit. In der Bahn bekam sie gerade noch den letzten freien Platz. Sie registrierte nicht, wer mit ihr fuhr und es war ihr auch egal. Alles was zählte, war die Verbindung zum Kollektiv. Während die Bahn ihren täglichen Weg fuhr, widmete sich Mari den Nachrichten des Tages. Krieg, Umweltkatastrophen, Steuerhinterziehung – die üblichen Themen. Doch dann, als sie gerade beginnen wollte Celebrity-News zu lesen, passierte schon etwas Eigenartiges, ja, etwas fast Grauenhaftes. Ihr Gerät schaltete sich plötzlich ab, der Screen blieb schwarz. Mari packte das blanke Entsetzen. Es war, als hätte sich ein dichter Vorhang um sie gewickelt, der sie vom Rest der Welt abschnitt. Panisch blickte sie um sich, wollte um Hilfe rufen. Doch jeder der Mitfahrenden hatten den Blick in sein Gerät vertieft. Niemand merkte, wie sie begann um ihre Existenz zu bangen. Tränen bahnten sich den Weg aus ihren Augen auf ihre Wangen. Sie drohte ohnmächtig zu werden. Dann schaltete sich ihr Smartphone abrupt wieder ein. So als sei nichts gewesen. Ein kurzer Outage sonst nichts. Als sie sich wieder mit dem Kollektiv verband, beruhigte sich ihr Puls und die Panik verflog. Dennoch blieb ein ungutes Gefühl in ihr zurück. Es war einsam und still ohne das Kollektiv und sie hoffte nie wieder so allein sein zu müssen.

Nachdem sie sich im Büro, genau wie die anderen Kollegen, über WLAN mit dem Zentralrechner verbunden hatte, klärte sich ihre dunkle Gefühlslage wieder auf, wie der Himmel nach einem Gewitter. Es war Balsam für ihre Seele, die kollektive Intelligenz zu spüren, die sie und die anderen auf der Arbeit bildeten.
Am Abend verließ sie das Büro und fuhr wieder mit der Bahn nach Hause. Während sie die Stelle überquerte, an der am Morgen der Outage geschehen war, richteten sich die Haare auf ihrem Arm nach oben – doch die Verbindung blieb. Trotzdem behielt sie alles im Auge, konnte ihre ganze Konzentration nicht auf ihr Gerät und das Kollektiv richten. Das erste Mal seit langer Zeit bemerkte sie, dass es eine Welt gab, in der Technologie keine Rolle spielte. Es war eigenartig, fühlte sich nicht richtig an. Dennoch wollte ihr die hundertprozentige Verknüpfung nicht mehr gelingen.

Als sie am Abend im Bett lag und das Gerät schon in den Ruhemodus entschlummert war, rasten die Gedanken durch ihren Kopf. Immer wieder zirkelten sie um eine Frage: Was, wenn die Welt ohne Geräte und Kollektiv besser wäre?


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