Wortphilosophien: Neugier und die Gier nach Neuem

NeugierDas kommt für viele jetzt wahrscheinlich nicht überraschend, aber ich liebe Worte. Um genauer zu sein: Ich liebe Sprache. Nicht nur, dass sie uns Menschen dabei hilft uns auszudrücken, uns anderen (im Idealfall) verständlich zu machen, sie entwickelt sich mit uns, unserer Gesellschaft, unserer Kultur.

Vor etwa zehn Jahren habe ich mich zwei Semester lang mit den englischen und spanischen Sprachwissenschaften im Rahmen eines Lehramtsstudiums beschäftigen dürfen. Lehrerin wollte ich dann doch nicht werden, aber mein Interesse an den Grundlagen der Sprache ist geblieben. Schließlich bin ich Medien- und Kulturwissenschaftlerin geworden und habe irgendwann begonnen Sprache beruflich und privat zu formen. Sprache als Medium im kulturellen Kontext – dafür schlägt mein Herz.

So ist es nicht verwunderlich, dass ich manchmal Worten und Formulierungen begegne, die mich stutzig werden lassen, und die mein – im Alltag meist schlummerndes – Interesse an Sprache wieder wecken und mich zu Wortphilosophien hinreißen.

Erst kürzlich kam mir so ein Wort in die Quere – die „Neugier“. Meine Sojamilchpackung fragt mich doch tatsächlich ob ich „Neugierig auf Pflanzenkraft“ sei. Davon abgesehen, dass mich vegetarische Ernährung interessiert, fand ich die Wortwahl doch recht gewagt (die Pflanzenkraft lassen wir einfach mal außen vor, auch wenn sie ebenfalls die Augenbrauen hochschnellen lässt).

Natürlich verstehe ich das Motiv der Verwendung des Adjektivs „neugierig“ and dieser Stelle. Neugier wird gerne als Synonym für Wissensdurst und Offenheit für das Unbekannte gewählt. Wer neugierig ist, ist interessiert, wagt sich etwas, probiert aus, ist das Gegenteil von konservativ.

Prinzipiell ist gegen die Benutzung der Neugier also nichts einzuwenden. Dank der Belegung des Begriffs mit solch positiven Konnotationen, fühlen wir uns gut, wenn wir neugierig sind. Doch das Wort zwingt mich beim Lesen dazu es in seine Einzelbestandteile „Neu“ und „Gier“ zu zerlegen – und plötzlich findet das Gute daran seine Grenzen.

Neugier beschreibt demnach nämlich die Gier nach Neuem. Ich zaudere, wenn ich daran denke. Für mich ist der Begriff „Gier“ ganz und gar nicht positiv belegt. Gierig sind Menschen, die den Hals nicht voll bekommen können; Menschen, die keine Disziplin haben; Menschen, die nicht genießen, sondern schnell konsumieren. „Gier“ erinnert zudem an die Todsünde Habgier. Auch nicht wirklich positiv.

Ich stelle mir vor, wie der Begriff vielleicht vor einigen hundert Jahren entstanden ist (eine einfache etymologische Herleitung kann ich durch oberflächliche Internet-Recherche nicht finden). Wahrscheinlich sollte der Begriff auch gar nichts Positives ausdrücken. Wenn ich mir eine eher konservative und private Gesellschaft vorstelle, die die Neugier als Wort vielleicht geprägt hat, war der Drang zu entdecken, seine Nase ins Unbekannte zu stecken, der Wunsch zu lernen, wahrscheinlich überhaupt nicht als sinnvoll angesehen.

Egal woher der Begriff nun stammt, die Bedeutung hat sich wahrscheinlich komplett gewandelt, vermutlich im Zusammenspiel mit der Fortschrittsorientierung und Liberalisierung der Gesellschaft. Trotz der etwas eigentümlichen Komposition des Wortes können wir heute also anscheinend froh sein, wenn uns jemand als neugierig bezeichnet. Nicht nur, weil der Begriff weitestgehend positiv belegt ist, sondern weil wir heute leben, in einer Gesellschaft, die das Streben nach Wissen, die Offenheit für das Unbekannte zumindest weitestgehend schätzt.


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