Du bleibst / Wo fängt der Himmel an?

Erde / Leben nach dem Tod
Du bist weg, und wir vermissen dich alle ganz fürchterlich. Nach Tagen des Weinens, des Nichtverstehenwollens beginnt jetzt die Phase des Aufarbeitens, der Reflexion.

Ich weiß, du würdest es hassen, dass ich dich in diesem Text erwähne. Das wäre dir zu viel Rummel um deine Person. Also erwähne ich dich nur am Rande, schreibe stattdessen über ein Thema, das dir hoffentlich gefallen hätte. Es ist ein Thema, dass uns, die du hier zurückgelassen hast, immer wieder beschäftigt: Wir fragen uns, ob es dich vielleicht doch noch irgendwo gibt. Wir fragen uns, wo der Himmel für Leute anfängt, die nicht gläubig so sind.

Ich bin katholisch erzogen worden, aber nicht unbedingt ein Anhänger kirchlicher Lehren. Demnach bin ich fern davon an das christliche Konzept des Himmels als Ort zu glauben. Dennoch gebe ich zu, dass es eine trostspendende Idee ist, dass die Seele – ich nennen das allerdings lieber die Essenz – eines geliebten Menschen noch irgendwo weiter existieren kann.

Wenn nicht mehr hier auf Erden, vielleicht kann man ja im Jenseits wieder aufeinander treffen. Dass das eigentlich kein schöner Ort sein kann, an dem alle Menschen (und für einen manchen auch Tiere) nach dem Tod auf Ewig weiterleben, lassen wir hier mal außer Acht. Das Problem ist ein anderes. Denn obwohl nach so manch einer Nahtoderfahrung von einem gleißenden Licht berichtet wurde, können wir einfach nicht davon ausgehen, dass es einen Ort wie den Himmel wirklich gibt. Bis es keine handfesten Beweise gibt, bleibt der Himmel Teil eines Glaubens, eine Idee für die Lebenden, ein Konzept das Beruhigung schenkt und Sehnsüchte stillt.

Doch trotzdem halten wir daran fest, egal wie aufgeklärt wir heute sind. Wir können einfach nicht akzeptieren, dass es uns oder andere nach dem Tod nicht mehr geben soll. Dieser Wunsch nach Fortbestand liegt in der tierischen Natur des Menschen. Wären wir einfach nur große Primaten würde uns die Weitergabe des eigenen genetischen Materials dafür wahrscheinlich ausreichen, weil wir lediglich unsere Rasse erhalten wollten. Nachdem wir uns fortgepflanzt haben, wäre unser Ziel erreicht, unser Weiterleben durch unsere Nachkommen garantiert. Wir sind aber (leider) weiterentwickelt, wir denken, wir sind Individuen und wir pflanzen uns heutzutage nicht mehr einfach so fort. Nicht jeder will mehr, nicht jeder kann, und auch wenn wir es schaffen, heißt das nicht, dass unsere Nachkommen es tun. Trotzdem bleibt es in unserer Natur in irgendeiner Form auch nach dem Tod fortzuleben.

Als denkende, kommunizierende Wesen mit einem (Selbst-)Bewusstsein haben wir ein Substitut gefunden, dass uns entspricht: Wir bleiben im Gedächtnis der Nachwelt, also derer die uns überleben. Wer es schafft und möchte, erreicht das im großen Stil und wird in irgendeiner Form berühmt. Hat man mehrere Bestseller geschrieben, war man Filmstar oder Spitzensportler, kann es sein, dass auch über Jahrzehnte hinweg die Erinnerung an einen bestehen bleibt. Der durchschnittliche Erdenbürger muss andere Mittel und Wege finden um seinen Platz im Gedächtnis zu ergattern.

Doch hier liegt der Knackpunkt. Auch wenn man dazu bestimmt nicht den zehn Geboten Folge leisten muss – über den Verbleib seiner Essenz nach dem Tod entscheidet der Mensch im Diesseits. Sein Handeln und Wirken bestimmt, wer und wie man sich an ihn oder sie erinnert. Einen wundervollen, geliebten Menschen hält man am Leben. Man spricht oft und gut über ihn, gibt seine Erinnerung vielleicht sogar an folgende Generationen weiter. Vielleicht dient er auch später noch als Quelle der Inspiration oder der gedanklichen Wärme.

Somit unterscheidet sich die christliche Idee des Himmels von dieser eher aufgeklärten Version dann schließlich doch nicht. Auch wenn nicht in einer so konkreten Form wie einer Seele im Himmel, besteht die Essenz des Menschen in den Gedanken seiner Mitmenschen fort. Nur wer zu Lebzeiten seinem Umfeld Gutes hinzugefügt und/oder es inspiriert hat, kann auf Dauer fortleben. Der Rest fällt schlimmstenfalls in die Hölle der Vergessenheit.

Behaupten wir also es gibt so eine Art Himmel und dieser Himmel sind die Köpfe deiner Freunde, dann bist du auf jeden Fall da, hast einen festen Platz gefunden. Denn wir weigern uns dich zu vergessen, lassen dich fortleben an jedem Tag. Du warst so ein toller Mensch und ein guter Freund. Auch wenn du die Aufmerksamkeit nicht mögen würdest, reden wir viel über dein Lebenskonzept, nämlich das Leben nicht mit Nebensächlichkeiten zu verschwenden, das Schöne zu sehen und zu umarmen. Du hast uns inspiriert und wir merken erst jetzt wie sehr.

Du bleibst. In deinem persönlichen Himmel, hier in unseren Herzen.


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