Im Nieselregen

Baum mit roten Blättern / Nieselregen / Herbst in BerlinEin sanfter Regen nieselt leise auf den Stoff meiner Kapuze, und während ich mich frage, wieso der Wetterbericht eigentlich nie die Temperatur ansagt, die ich fühle, schwitze ich in Wollpulli und Regenmantel.
Kurz halte ich in einem Laden, in dem der Verkäufer mir von seiner letzten Nacht erzählt, die ihn heute zum langsamen Zombie mache. Getrunken und Musik gemacht habe er am Vorabend, und das, obwohl er schon Mitte vierzig sei.
Ich weiß nicht, warum ausgerechnet mir alle Leute immer einen Schwank aus ihrem Leben erzählen, aber während er das tut und ich noch stärker in meinem Wollpulli schwitze, weiß ich, dass ich ihn beneide.
Das letzte Mal Musik gemacht habe ich vor zwölf Monaten, der letzte richtige Rausch ist viel länger her. Beides fehlt mir, aber beides geht gerade einfach nicht.
Ich sinniere darüber, während ich weiter gehe. So sehr, dass ich auf dem Schild an der Tür des Kindergartens, an dem ich vorbeilaufe, etwas von „alkoholbedürftigen Eltern“ lese. Ich lache und will schon mein Handy zücken um das zu fotografieren, als ich sehe, dass da „abholbedürftig“ steht.
Lieber mache ich mich also wieder auf den Weg und konzentriere mich auf das Kind, das ich im Kinderwagen vor mir her schiebe und das gerade friedlich einschläft. Was ein Glück!
Glücklich macht mich auch der Baum mit den leuchtend roten Blättern, den ich unterwegs sehe und für den ich dann doch noch mein Telefon zum Ablichten aus der Tasche krame.
Mehr Glück – auch für andere Lebensbereiche – erhoffe ich mir, als ein Schornsteinfeger auf der anderen Straßenseite an mir vorbeiläuft. Doch beim genaueren Hingucken wird mir klar, dass das nur ein „normaler“ Typ mit Zylinder ist.
Glück braucht auch der Junge, der vor mir seinen hyperaktiven Hund an der Leine durch die Gegend zerrt. Denn gerade als er mir zulächelt – wahrscheinlich um in meinem Blick Verständnis für seine Lage zu finden – entschlüpft der Hund seinem Halsband und rennt davon. Kurz blicke ich den beiden hinterher und hoffe, dass der Hund sich bald fangen lässt.
Dann gehe ich weiter – langsam, viel zu langsam – und lausche unter meiner Kapuze dem Nieselregen.


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