Was kein Foto festhalten kann

Worte & Gedanken

Da liegt sie neben mir und schläft, und sie ist wunderschön. Ein kleiner Engel der gerade aus dem Himmel hierhergeschickt wurde und ganz erschöpft von seiner Ankunft nun ruhen muss.
Ich weiß, dass das kitschig ist, aber in diesen Momenten kann ich einfach nicht anders. In diesen Momenten, in denen mein Baby das perfekte Baby ist, in denen mich ihre Augen, ihre Wimpern, ihr Wangen, ihr Mund verzaubern, in denen sie irgendetwas Großartiges macht, in denen mich ihr Lächeln umwirft oder – wie jetzt – ihr Schlaf verzückt. Immer dann hole ich meine Kamera raus, mache Fotos wie eine Besessene, weil ich diese Momente für immer festhalten will, weil ich Angst habe sie zu vergessen, für immer zu verlieren.
Ich traue meinem Gehirn nämlich nicht, weiß, dass es nur manche Erinnerungen behalten und viele andere einfach löschen wird. Dabei wünsche ich mir doch so sehr, die schönen Augenblicke mit meinem Kind alle immer und für immer parat zu haben.
Doch leider ist meine Handykamera nur eine bedingt gute Hilfe. Denn obwohl sie und ich gemeinsam schon viele tolle Bilder gemacht haben, kann sie die Situation oft nur als schemenhafte Reproduktion des Moments einfangen.
So wie jetzt. Denn egal von welchem Standpunkt ich den kleinen Engel vor mir ablichte, egal ob mit Blitz oder ohne: Es ist einfach nicht dasselbe. Meine Kamera kann die Schönheit des Moments, meine tiefe Liebe zu diesem Kind einfach nicht festhalten.
Ich denke an die Zeit vor meinem Baby, als ich die Angst zu vergessen noch nicht kannte. Damals machte ich nur wenige Fotos, weil ich wusste, dass die Erinnerung an den Moment viel schöner ist, dass es nur selten Bilder braucht um Gefühle abzuspeichern. Ich nutzte die Bilder, die ich aufnahm als Erinnerungstütze, versuchte gar nicht erst die Magie des Augenblicks festzuhalten.
Dieses Selbstvertrauen von damals macht mir plötzlich wieder Mut. Ich lege das Handy samt Kamera beiseite und meinen Kopf dicht neben den kleinen Engel, präge mir das himmlische Babygesicht tief ein. Ich genieße ihn, diesen Moment der großen Mutterliebe und hoffe, dass mein Gehirn ihn mir auch ohne Foto für immer festhält.