Was kein Foto festhalten kann

Nanchen vetritt mein schlafendes BabyDa liegt sie neben mir und schläft, und sie ist wunderschön. Ein kleiner Engel der gerade aus dem Himmel hierhergeschickt wurde und ganz erschöpft von seiner Ankunft nun ruhen muss.
Ich weiß, dass das kitschig ist, aber in diesen Momenten kann ich einfach nicht anders. In diesen Momenten, in denen mein Baby das perfekte Baby ist, in denen mich ihre Augen, ihre Wimpern, ihr Wangen, ihr Mund verzaubern, in denen sie irgendetwas Großartiges macht, in denen mich ihr Lächeln umwirft oder – wie jetzt – ihr Schlaf verzückt. Immer dann hole ich meine Kamera raus, mache Fotos wie eine Besessene, weil ich diese Momente für immer festhalten will, weil ich Angst habe sie zu vergessen, für immer zu verlieren.
Ich traue meinem Gehirn nämlich nicht, weiß, dass es nur manche Erinnerungen behalten und viele andere einfach löschen wird. Dabei wünsche ich mir doch so sehr, die schönen Augenblicke mit meinem Kind alle immer und für immer parat zu haben.
Doch leider ist meine Handykamera nur eine bedingt gute Hilfe. Denn obwohl sie und ich gemeinsam schon viele tolle Bilder gemacht haben, kann sie die Situation oft nur als schemenhafte Reproduktion des Moments einfangen.
So wie jetzt. Denn egal von welchem Standpunkt ich den kleinen Engel vor mir ablichte, egal ob mit Blitz oder ohne: Es ist einfach nicht dasselbe. Meine Kamera kann die Schönheit des Moments, meine tiefe Liebe zu diesem Kind einfach nicht festhalten.
Ich denke an die Zeit vor meinem Baby, als ich die Angst zu vergessen noch nicht kannte. Damals machte ich nur wenige Fotos, weil ich wusste, dass die Erinnerung an den Moment viel schöner ist, dass es nur selten Bilder braucht um Gefühle abzuspeichern. Ich nutzte die Bilder, die ich aufnahm als Erinnerungstütze, versuchte gar nicht erst die Magie des Augenblicks festzuhalten.
Dieses Selbstvertrauen von damals macht mir plötzlich wieder Mut. Ich lege das Handy samt Kamera beiseite und meinen Kopf dicht neben den kleinen Engel, präge mir das himmlische Babygesicht tief ein. Ich genieße ihn, diesen Moment der großen Mutterliebe und hoffe, dass mein Gehirn ihn mir auch ohne Foto für immer festhält.


5 Gedanken zu “Was kein Foto festhalten kann

  1. Wie schön du das geschrieben hast ! Mir geht es genauso… und du hast so recht, manchmal muss man einfach den Moment genießen, dem Kind ganz nah sein, ohne Kamera oder Videoapparat dazwischen. Ich muss dann immer an Frederick, die Maus denken, der im Sommer die Farben und Sonnenstrahlen sammelt. So sammeln wir einfach auch diese wundervollen Augenblicke.
    Liebste Grüße
    Martina

    Gefällt 2 Personen

  2. Ich hatte bei meinem ersten Sohn Momente in denen mir ganz anders bei der Vorstellung wurde, dass dieses Mini-Wesen irgendwann „weg“ sein würde, „ersetzt“ von einer größeren Ausführung und ich vermisste ihn schrecklich, obwohl er direkt vor mir stand. Konnte mir nicht vorstellen, wie das gehen soll. Aber das Gute ist ja, dass sie nicht plötzlich groß werden, sondern ganz heimlich. Die Fotos spiegeln zwar tatsächlich nicht das Gefühl wieder, das man bei der Aufnahme hatte, aber das Wichtigste bleibt: Das Gefühl in Dir. Der Große ist jetzt 4 1/2 und ich habe mich gerade kürzlich an diese Momente erinnert. Und ich vermisse das Baby nicht, denn es steckt ja in diesem wundervollen großen Kind drin! Es ist nicht weg, es hat sich weiterentwickelt. Bei Sohn Nr. 2 habe ich aber wieder nicht dazugelernt. Ich starre ihn an und versuche sein Gesicht abzuspeichern, obwohl ich eigentlich schon jetzt das Neugeborene gar nicht mehr vermisse, weil 10-monatige-Version perfekt ist 🙂

    Gefällt 3 Personen

  3. Wunderschön geschrieben und ich kann diese Gefühle so gut nachvollziehen. Mein „kleines“ Wunder ist mittlerweile fast 14 und ich dachte in jedem Augenblick – und erst recht bei größeren Meilensteinen – ich muss mich verabschieden. Verabschieden von einem erst so hilflosen Wesen, welches sich anfangs fast täglich verändert. Das hat auch nie aufgehört. Aber so sehr ich auch das jeweilige Alter vermisst habe, genau so sehr habe ich jeden neuen Augenblick auch genossen und mich daran erfreut, dass er sich verändert, selbstständig wird, allein lebensfähig. Zu allen großen Gefühlen gehören auch Tränen, das ist wohl ein Gesetz der Liebe. Und wenn mich die Traurigkeit mal überrumpeln will, dann lass ich es einfach zu und denke gleichzeitig, er ist gesund und passt gut in meine und seine ganz eigene Welt. Mehr Glück geht nicht :-). Und Bilder sind dabei auch meine Gedankenstützen, es ist erstaunlich, woran man sich alles ganz genau erinnert. Und diese tiefe Liebe bleibt. Sie bleibt was sie ist, das Schönste was man als Mutter, als Mensch erleben kann…

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s