…wohin das Leben mich trägt…

Berliner Skyline mit Fernsehturm und Sonnenuntergang / ...wohin das Leben mich trägt... / Mrs.KEss / (c) Kathrin Eß Als ich morgens früh das Haus verlasse, verlässt auch die Sonne ihr Wolkenbett, begrüßt mein Gesicht mit einem kitzelnden Gefühl der Wärme, trotzt dem eisigen Wind des Wintertages. Langsam taucht sie die schneebedeckte Kulisse meines Kiezes in ein freundliches Gelb, lässt hier und da den Frost auffunkeln. In dem Zusammenspiel aus ihrem Licht und der Schneedecke, die alles unter sich versteckt hält, sieht selbst die Warschauer Straße schön aus.
Dieser Gedanke kommt mir sonst eigentlich nur im Frühling, wenn Blätter und Gras die Straßen von Friedrichshain zieren. Dann mag ich meinen Kiez, hab ihn fast ein bisschen lieb, kann genauso über Touristen und Penner, Drogendealer und Partyopfer hinwegsehen, wie über Glasscherben, Lärm und Müll. Dann sehe ich die Schönheit der Altbauten, den Charme der kleinen Cafés und Läden, das Positive in der Diversität der Menschen, die mit mir die Bürgersteige teilen.
Mir fällt ein, dass es in diesen Tagen fünf Jahre her ist, dass ich nach einem Intermezzo in Prenzlauer Berg hierher gezogen bin. Damals war ich ein anderer Mensch, viel jünger, wilder und freier. Ich war hierher gezogen, weil meine Freunde hier lebten, weil ich hier eine Traumwohnung mit Stuck und Balkon fand, die ich mir leisten konnte. Anfangs gefiel mir das Raue und Unfertige an Friedrichshain gut. Da war ich tagsüber aber meistens im Büro, sah den Kiez oft nur im Dunkeln. Jetzt habe ich ein Kind, bin tagsüber auf den Straßen unterwegs, sehe alles ohne die bunten Lichter der Partynacht.
Fünf Jahre. Das ist schon eine lange Zeit. Vor allem, wenn man bedenkt, dass ich, die sechs Jahre bevor ich 2009 nach Berlin kam, zusammenhängend nie länger als ein Jahr an einem Ort verbracht hatte. Eigentlich hatte ja ich nie so lange hierbleiben wollen, aber dann kam alles ganz anders als geplant…
Trotzdem oder vielleicht sogar deswegen flüstert mir meine innere Stimme aktuell immer häufiger zu, dass es Zeit ist zumindest diesen Kiez wieder zu verlassen. Ja, heimlich träume ich von einem Haus im Grünen, mit einem Garten, in dem das Kindlein spielen kann, von einem Leben fernab von der Hektik der Großstadt. Doch ich weiß auch noch nicht richtig, wo dieser Ort sein sollte.
Denn immer wieder gibt es auch Momente wie diesen jetzt, in denen ich plötzlich merke, dass ich Friedrichshain längst als meine Heimat akzeptiert habe, weil ich nicht nur die Gegend kenne, sondern auch den Postboten und den Schornsteinfeger, weil ich hier Menschen hab, die ich mag und sehen will. Dann weiß ich, dass ich Glück habe, weil es so einen Ort gibt, den ich Heimat nennen darf, an den ich immer wieder zurückkehren kann.
Während ich noch in diesem Gedanken hänge, merke ich, dass ich mein Ziel erreicht habe. Doch den ganzen Tag lässt er mich nicht mehr los. „Wo werde ich wohl in der Zukunft leben?“, frage ich mich unentwegt, will von mir eine Entscheidung wissen, die ich so noch nicht treffen kann.
Erst spät abends wird mir plötzlich klar, was ich zu tun habe, sehe wo vorher Dunkel war. Ich verstehe, dass ich die Dinge bisher nicht planen konnte und wohl auch niemals wirklich planen kann. Dass das Schicksal wohl immer das letzte Wort haben wird, egal, wie sehr ich es mir anders wünsche. Also fasse ich einen Beschluss, beende meine Grübeleien: Ich werde dort hingehen, wohin das Leben mich trägt, und wenn es auch nur auf der Stelle läuft. Ich werde dort leben, wo meine Lieben sind, wo mein Herz „Hier bist du richtig“ sagt.


Ein Gedanke zu “…wohin das Leben mich trägt…

  1. Oh wow. Wie toll geschrieben! Hast du in meinen Kopf geschaut? 😉 Als wären all meine wirren Gedanken in wundervolle Worte verpackt worden. Du hast so recht, das Leben kommt ja ohnehin zu einem. Sag ich mir jetzt auch jeden Tag, wenn ich mal wieder besonders genervt bin, dass es gerade nicht genau so ist, wie ich es vielleicht gerne hätte: go with the flow. Und lass dich überraschen. Das ist sowieso viel spannender als ein durchgeplantes Leben.
    Ich grüß euch liebst, dich und dein kleines Mädchen!
    Martina

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