Dankbarkeit / Perspektivenwechsel

Blick aus dem Fenster /Jalousie / Berlin-Ostkreuz / (c) Kathrin Eß / kathriness.comManchmal schreibe ich über Selbstfindung – wie zum Beispiel in meinem letzten Artikel. Solche Artikel entstehen, weil ich in diesem Moment über die Thematik grüble, weil ich dann ernsthaft glaube, dass ich ein Problem habe. Andere Male ertappe ich mich dabei, wie ich über Lapalien enttäuscht bin oder – viel schlimmer – mich darüber ärgere. Das kann der Lieferservice sein, der das falsche Gericht bringt, der Wäscheberg, der niemals abzubauen ist, und und und.
Doch dann, kurz darauf lese oder sehe ich etwas, das mir zu verstehen gibt, dass ich eigentlich keine wirklichen Probleme habe, dass es sich eigentlich nie lohnt sich über irgendetwas zu ärgern.
Es sind die Geschichten von Frauen im ähnlichen Alter, die Geschichten von anderen Müttern, die mich dann wirklich zum Nachdenken anregen. Während ich von ihrem Schicksal lese, versetze ich mich in ihre Situation hinein, fühle mit ihnen – für einen Moment bin ich sie.
Ich bin die Mutter, die ihr Baby verloren hat, bevor sie es überhaupt bekam, oder die, die es verlor, bevor sie es hat aufwachsen sehen können.
Ich bin die Frau im Kongo, die von Milizen verschleppt und missbraucht wurde, weil sie im Bergbau nach Metallen für unsere Smartphones schürfen muss. Ich bin die Mutter einer Flüchtlingsfamilie, die auf einem Boot zusehen muss, wie ihr Kind etrinkt, die vor einem Zaun sitzt und hofft, dass ihre Kinder in der Kälte nicht erfrieren, die von einer Zukunft träumt, von der sie nicht weiß, ob es sie wirklich gibt.
Ich bin die Alleinerziehende, die jeden Tag alles gibt, um ihren Kindern alles zu ermöglichen, obwohl sie dabei selbst auf der Strecke bleibt. Ich bin die kranke Frau, die nicht weiß, wie lange sie noch zu leben hat. Das Mädchen, das gerne zur Schule gehen würde, aber stattdessen arbeiten und heiraten muss.
Das ist nur eine Auswahl. Es gibt so viele Frauen, so viele Kinder, Männer und alte Menschen auf der Welt, die richtige Probleme haben. Wenn ich mich dem Perspektivenwechsel hingebe, mich in sie hineinversetze, schäme ich mich für meine vermeintlichen Problemchen.
Mir geht es hier wirklich gut. Ich habe riesiges Glück gehabt in Deutschland, in meine Familie geboren zu sein. Ich bin gesund, ich habe alle Möglichkeiten.
Wenn ich an die vielen anderen denken, denen es nicht so gut geht, dann geht mir das nahe. Am liebsten möchte ich all diesen Menschen helfen.
Leider weiß ich, dass das nicht geht. Zuerst muss ich mich um das Wohl meiner Familie kümmern. Trotzdem helfe ich immer so viel, wie es mir gerade möglich ist.
Doch kann ich noch etwas anderes tun, auch wenn das vielleicht niemandem direkt hilft. Ich kann aufhören mich über meine Erste-Welt-Probleme aufzuregen. Ich kann stattdessen dankbar sein. Dankbar für alles, was ich habe und kann. Dankbar sogar für die Probleme, die ich habe, denn sie sind so nur möglich, weil es mir gut geht. Es ist dabei egal, wem wir danken – ob Gott, dem Universum, dem Schicksal oder uns selbst. Wichtig ist, sich vor Augen zu führen wie gut man es hat, das vermeintliche Negative von der positiven Seite zu sehen. Denn überall wo ein Problem auftritt, steckt auch oft eine Möglichkeit.
Meine Selbstsuche ist nur möglich, weil ich sonst alle Bedürfnisse gestillt sind; dass es hier einen Lieferdienst gibt, der mir Essen bringt, ist ein Privileg; die Wäscheberge sind Zeichen dafür, dass ich nicht nur genügend Klamotten habe, sondern auch mit Menschen zusammenlebe, die eigene haben und tragen.
Ein Perspektivenwechsel und die anschließende Dankbarkeit können heilsam für alle von uns sein, wenn wir mal wieder in vermeintlichen Problemen versinken. Ich hoffe, beides in Zukunft noch mehr in mein Leben integrieren zu können. Ich wünschte mir, alle Menschen würden das tun.

 


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