Die Ferienwohnung

Leuchtturm auf Sylt (c) Kathrin Eß 2016 / Die Ferienwohnung

Als ich in der Ferienwohnung ankomme ist alles blitzblank gereinigt. Es wirkt, als hätte sie vor mir niemals jemand betreten: Aufgeräumt und steril, aber zum Glück nicht ungemütlich. Es riecht nach Seife, nach Putz- und Waschmittel. Es riecht unnatürlich, gar nicht so, als ob hier jemals ein Mensch gewesen wäre. Eigentlich ist das ja gut. Wenn man Urlaub macht, weiß man zwar, dass kurz vorher andere Leute den Raum benutzt haben, den man nun für ein paar Tage oder Wochen seine Heimat nennt, aber man will bloß nichts davon merken. Diese Reinheit ist eigentlich also nur positiv. Trotzdem breitet sie ein Gefühl des Unbehagens in mir aus, lässt mich fühlen wie ein Fremdkörper. Ja, ein besonders dreckiger und nach kaltem Schweiß riechender Fremdkörper, denn zehn Stunden Zugfahrt haben deutliche Spuren auf meinem Körper hinterlassen. Ich gehöre nicht hierher, denke ich, und würde eigentlich am liebsten wieder umkehren.
So liege ich abends starr im Bett, kann nicht schlafen, belästigt von dem Geruch des Waschmittels in dem mein Bettlaken wahrscheinlich noch heute morgen gebadet hatte. Ich sage mir, dass ich mich schnell gewöhne, ja, dass ich mich schnell gewöhnen muss. Schließlich habe ich nur eine Woche Zeit.

Sechs Tage später haben die Wohnung und ich uns angeglichen. Ich habe mein Chaos in ihr ausgebreitet, habe sie benutzt, mir zu eigen gemacht. Ich habe sie mit Leben gefüllt, ihr die Sterilität genommen. Ich habe in ihr Kaffee und Essen gekocht, in ihr geduscht und mein Deo benutzt. Ich habe sie mit meinen Gerüchen benetzt. Ich habe auch die Fenster geöffnet, die Luft von draußen, vom Meer hineingelassen. Und selbst war ich auch draußen, am Meer. Dort habe ich mich angepasst, habe mich in den Wellen mit Salzwasser besprenkelt, meine Beine mit Sand paniert, habe meine Haare vom Wind durchwehen lassen, bis ich so roch wie das Meer.
Jetzt, sechs Tage später, trägt die Wohnung die Zeichen und Gerüche meines Urlaubs-Ichs wie ein Parfum. Ihr salziger Meergeruch betört mich, während ich im Bett liege, dem Rauschen der Wellen lausche, glücklich meine Nase wälze in der Wonne des Moments. Sechs Tage später bin ich angekommen, fühle mich nicht mehr fremd. Ich bin zum Teil der Wohnung geworden, nicht wegzudenken, ihr Inventar.
Trotzdem wird es in zwei Tagen wieder weiter gehen, zurück dorthin, woher ich kam. Mit mir werden all diese Gerüche verschwinden, ausradiert und dann ersetzt von anderen Menschen, so lange bis ich wiederkomme im nächsten Jahr.


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s