Fräulein Weber und die Kunst des Liegenbleibens (Kurzgeschichte)

IMG_3481.JPGDas Baby hatte gerade erst seine Augen geschlossen. Seine winzigen Gliedmaßen waren entspannt auf die Matratze geplumpst, so wie sie es immer taten, wenn der Rest des Körpers in den Schlaf glitt. Zufrieden und voller Liebe betrachtete Fräulein Weber das Wunder, das vor ihr lag. Es war noch ganz neu in ihrer Welt, aber sie war sich jetzt schon sicher, dass sie noch nie zuvor etwas so Schönes gesehen hatte. Sie streichelte den kleinen Kopf und die weichen Stoppeln darauf, und nahm dann noch einmal eine Nase von dem Duft, der von dem kleinen Wesen ausging. Der Duft, der sie so glücklich machte, der sie so sehr beruhigte.
Das ist er also, dachte sie. Der Zeitpunkt um liegen zu bleiben und einfach nur das Baby anzuhimmeln.
Der frühe Morgen war anstrengend gewesen. Das Baby hatte viel geweint und immer wieder an ihre Brust gewollt. Also hatte sie es getragen und gestillt, so wie sie es jeden Tag tat. Jetzt schlief das kleine Wunder. Zufrieden lag es in ihrem Bett und grunzte im Schlaf. Es schenkte ihr die Chance nichts zu tun. Die Chance sich von den Strapazen der Geburt zu erholen.
Fräulein Weber legte ihren Kopf auf das Stillkissen, an das sich das Baby schmiegte. Sie betrachtete die langen Wimpern und die kleine Nase, die faltigen Händchen und das schmollende Mündchen. Wogen des Glücks durchfuhren sie. Sie wollte diesen Moment für immer festhalten. Automatisch griff sie über das kleine Wunder hinweg nach der Kamera, die auf dem Nachttisch lag. Doch statt sich in die Hände ihrer Besitzerin zu begeben, rutschte die Kamera einfach vom Tisch. Froh, dass der dumpfe Knall das Baby nicht geweckt hatte, stand sie auf. In ihrem Still-Nachthemd lief sie um das Bett herum und bückte sich um die Kamera aufzuheben.
Hier könnte auch mal wieder jemand den Staub entfernen, dachte sie, als sie den Boden unter dem Bett sah. Schnell lief sie in die Küche und holte einen Handfeger und ein Kehrblech. Der Staubsauger wäre ihr lieber gewesen, aber sie wollte nicht riskieren, den Schlaf des Babys zu stören. Also fegte sie. Und als sie damit fertig war räumte sie noch ein bisschen auf, denn überall lag Wäsche herum. Und als sie damit fertig war, stellte sie noch schnell eine Maschine Wäsche an, denn die Wäsche, die sie aufgesammelt hatte, roch etwas streng. Und als sie damit fertig war, war das Baby wach. Es weinte, denn es hatte Durst.
Erst gegen Mittag schlief das Baby wieder ein. Wieder wollte Fräulein Weber liegen bleiben, einfach das Baby ansehen. Aber sie hatte auch solchen Hunger. Also ging sie in die Küche um sich eine der vielen Mahlzeiten aufzuwärmen, die sie in den Wochen vor der Geburt zubereitet und eingefrorenen hatte. Doch jetzt, wo sie die Stapel in der Gefriertruhe betrachtete, war sie plötzlich gar nicht mehr mit der Auswahl zufrieden. Vielleicht könnte ich ja schnell etwas kochen, dachte sie und fing an eine frische Mahlzeit aus den Zutaten zu zubereiten, die ihr Liebster gestern eingekauft hatte. Sie schnippelte und kochte, aß und spülte. Und als sie damit fertig war, war das Baby wach. Es weinte, denn es hatte Durst.
Als am Nachmittag ihre Hebamme kam, war Fräulein Weber todmüde. Die erfahrene Frau sah es ihr gleich an.
„Ruhen Sie sich denn auch genügend aus, Fräulein Weber?“, fragte sie. Doch Fräulein Weber schaute nur beschämt auf den Boden. Sie wusste bereits, dass das Wochenbett eigentlich ihre Zeit war. Die Zeit, die Dinge liegen zu lassen. Die Zeit, selbst einfach liegen zu bleiben.
Erst in der Nacht kam sie wirklich zur Ruhe. In der Nacht, als ihr Liebster zuhause und es überall dunkel war. Das Baby hatte getrunken und war zufrieden eingeschlafen, und auch Fräulein Weber fand ihren Weg in den unruhigen Schlaf einer jungen Mutter.
Sie wurde wach, weil ihre Blase es verlangte. Schlaftrunken ging sie ins Bad ohne auch nur einmal auf die Uhr zu sehen. Als sie fertig war und sich die Hände wusch, hörte sie plötzlich eine Stimme.
„Fräulein Weber!“
Eine Frau rief nach ihr. Erschrocken blickte Fräulein Weber um sich. Nichts.
„Fräulein Weber!“
Da war es wieder. Dieses Mal mit dem Klang zweier Stimmen. Sie rieb sich die Augen, zwickte sich in den Arm.
„Fräulein Weber!“
Ein drittes Mal hörte sie ihren Namen. Nun waren es drei Stimmen, die nach ihr riefen. Erst jetzt sah Fräulein Weber in den Spiegel. Neben ihrem Gesicht blickten drei weitere sie daraus an. Freundliche Gesichter, die ihr keine Angst machten. Gesichter von Frauen. Weder jung noch alt, weder hässlich noch schön. Gesichter, die man gleich wieder vergaß, sobald man sie nicht mehr sah.
Die Anwesenheit der Gesichter verwunderte sie nicht. Es war, als wären sie schon immer Teil des Spiegels gewesen, nur dass Fräulein Weber sie vorher nicht hatte sehen können. Nun sah sie sie, und es schien das Normalste auf der Welt.
„Fräulein Weber! Wir sind gekommen um dir deine Reise zu zeigen. Um dir zu zeigen was war. Um dir zu zeigen was ist. Um dir zu zeigen was wird“, sagten die Frauen im Einklang. „Bist du bereit?“, fragten sie dann, doch sie erwarteten keine Antwort.
Die Frau ganz rechts trat hervor.
„Ich zeige dir die Reise deines Kindes“, sagte sie und die drei Gesichter verschwanden. Stattdessen sah Fräulein Weber im Spiegel nun ihr Kind. Ihr Kind in ihrem Bauch, ihr Kind in ihrem Arm. Ihr Kind als Kind, als Jugendliche, als Erwachsene. Ihr Kind mit einem eigenen Kind auf dem Arm. Ihr Kind mit ihr und ohne sie. Sie spürte Liebe und Leid, Freude und Verlust, doch vor allem spürte sie Anstrengung.
Das Bild verschwamm. Die linke Frau erschien nun deutlich im Spiegel.
„Ich zeige dir die Reise deines Körpers“, sagte sie und wieder tauschten sich die Gesichter gegen andere Bilder. Sie zeigten ihren Körper vor der Schwangerschaft. Ihren Bauch, der wuchs und dann wieder schrumpfte. Ihre Muskeln die schlaff waren und erst langsam wieder stärker wurden. Ihre Wirbelsäule, die großen Lasten trug. Ihr Kopf in den Wogen des Chaos. Sie spürte Liebe und Leid, Freude und Verlust, doch vor allem spürte sie Anstrengung.
Das Bild verschwamm. Die mittlere Frau sprach nun.
„Ich zeige dir die Reise deines Ichs“, sagte sie. Und Fräulein Weber sah sich selbst.
Sie sah sich selbst als die Frau, die sie vor dem Kind war – frei und sorgenlos. Sich selbst als neue Mutter mit einem Baby auf dem Arm, voller Ängste und Fragen. Sie sah sich selbst als erfahrenere Mutter, sah den Menschen, der sie noch werden würde. Einen Menschen, den sie fremd fand, von dem sie nicht wusste, dass sie zu ihm werden könnte. Sie spürte Liebe und Leid, Freude und Verlust, doch vor allem spürte sie Anstrengung.
Das Bild verschwamm. Und plötzlich sah Fräulein Weber nur noch sich.
Die Gesichter waren verschwunden, doch sie hatten Fräulein Weber auch etwas zurück gelassen. Es waren Tränen. Tränen der Erkenntnis, Tränen des Verständnisses.
Sie ließ ihnen freien Lauf. Und als sie damit fertig war, war das Baby wach. Es weinte, denn es hatte Durst.
Erst am frühen Morgen schlief das Baby wieder ein.
Zufrieden und voller Liebe betrachtete Fräulein Weber das Wunder, das vor ihr lag. Sie streichelte seinen kleinen Kopf und die weichen Stoppeln darauf, und nahm dann noch einmal eine Nase von dem Duft, der von dem kleinen Wesen ausging. Der Duft, der sie so glücklich machte, der sie so sehr beruhigte. Das ist er also, dachte sie. Der Zeitpunkt um liegen zu bleiben und einfach nur das Baby anzuhimmeln.
Doch dieses Mal machte Fräulein Weber es sich wirklich gemütlich. Sie betrachtete das Baby und blieb einfach liegen.


Diese Kurzgeschichte habe ich ursprünglich als Gastbeitrag zur Wochenbettpause der Perlenmama Nina geschrieben. In diesem Rahmen wurde sie dort auch am 07.03.2017 zuerst veröffentlicht.


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