Kompass

Worte & Gedanken

Kompass (c) Kathrin Eß 2018

Manchmal passiert es im Leben, dass du im einen Moment alles hast und im nächsten nichts. Dass du im einen Moment noch den festen Boden unter den Füßen spürst und er im nächsten spurlos verschwunden ist. Dass dich eine unsichtbare Macht von der Erde und aus ihrer Umlaufbahn katapultiert. Hinein ins endlose All. Völlig erfroren, völlig allein.
Dort schweben sie dann, dein Herz und deine Seele, ziellos in der Dunkelheit. Ziellos im luftleeren Raum. Da wo vorher ein Weg war, ist nunmehr die bedrückende Weite der Unendlichkeit. Ohne Kompass und Orientierungssinn treibst du in ihr. Nicht einmal die Sterne oder das Licht der Sonne zeigen dir, wohin du dich wenden sollst. Es gibt keinen Indikator mehr für richtig oder falsch. Du weißt, dass du für den Moment nichts machen kannst, nur schweben. Doch das bist du nicht gewohnt. Also ruderst du. Mit Armen und Beinen. Immer stärker. Ergebnislos. Bis du schließlich aufgibst, dich der Schwerelosigkeit hingibst, dich von ihr treiben lässt. Sie nimmt dich auf, umhüllt dich. Sie ist dunkel und kalt, doch auch schützend und klar. Sie umfängt dich, leckt deine Wunden, schenkt dir schließlich neue Kraft.
Und dann irgendwann, klärt sich das Dunkel um dich auf. Du beginnst die Sterne zu sehen. Erst einen, dann zwei, dann ganz viele. Und dann weißt du, dass es weitergeht. Du beginnst wieder zu rudern, nutzt all deine neugewonnene Kraft. Du beschleunigst, findest vielleicht einen Rettungsring, vielleicht auch einfach nur einen Wegweiser, einen neuen inneren Kompass, der dir sagt, dass es weitergeht. Auf einem neuen Weg. Auf einem neuen Boden.