Wo ich einmal liegen will (Georgen-Parochial-Friedhof IV)

Worte & Gedanken

Kann man von seinem Grab aus eigentlich den Himmel sehen? Weil, wenn ja, dann würde ich gerne hier liegen, genau hier. Ich könnte die grasgrünen Blätter der Kastanien sehen, durch die die Sonne blinzelt, mich kitzelt an meinem langsam verottenden Gesicht. Ich hätte die Wolken im Blick, in all ihren Formen und Grautönen. Auch dann, wenn sie eigentlich gar nicht da sind. Vielleicht könnte ich aus meinen leeren Augenwinkeln auch die Häuser sehen, die um mich herum in die Höhe ragen. Manche mit Efeu bewachsen, manche mit Graffitis beschmiert, alle bewohnt.


Kann man in seinem Grab eigentlich auch die Geräusche hören? Weil, wenn ja, dann würde ich gerne hier liegen, genau hier. Umringt von Vogelgezwitscher, von Kinderlachen, von Autolärm und Straßenbahngebimmel. Eingelullt vom Rauschen von Blättern und Wind.


Wieso sollte ich eigentlich nicht darüber nachdenken, wo ich einmal liegen will, wo es doch der längste Schlaf ist, der mich jemals übermannt. Wieso sollte es nicht hier sein, wo es unendlich interessant ist. Vorausgesetzt natürlich, ich kann noch sehen und hören. Da unten in meinem kleinen, warmen 

Mom, I am a rich man

Worte & Gedanken

Der Mann geht über die Straße, mitten durch den Regen, während ich im Schutze des Vordachs eines Cafés sitze. Er ist von oben bis unten durchnässt. Sein Hemd trieft, seine Haare tropfen, die Hosenbeine hängen fest an der Haut. Aber er trägt Blumen. Einen Blumenstrauß genau gesagt. Riesig. Und wunderschön. Ganz selbstverständlich trägt er ihn. Einen Blumenstrauß wie ein englischer Garten im Sommer.
Er trägt ihn wohl zu jemandem, den er liebt. Vielleicht zu seiner Freundin. Vielleicht zu seinem Mann. Nicht zu seiner Mutter. Der Strauß sieht nicht nach dieser Art von Liebe aus.
Liebe … Wie schwer es doch ist, jemanden zu finden, der einem so einen Blumenstrauß schenkt. Ihn für dich aussucht. Und kauft. Und durch den Regen trägt. Einfach so, weil er findet, dass du es verdienst. Weil er denkt, dass du die schönste Blume bist, und deshalb verdammt nochmal auch die schönsten Blumen verdient hast.
Früher fand ich Blumen ja doof. So ein blödes Klischee. Mädchengemüse. Die Dinge ändern sich. Heute wünschte ich, ich bekäme sie.
Es hat aufgehört zu regnen. Der Kaffee ist leer, der Mann sicherlich zuhause, der Blumenstrauß bei der Person, die sich (hoffentlich) mordsmäßig darüber freut, ihm mindestens zwanzig heiße Küsse dafür schenkt. Und das glücklichste Lächeln der Welt.
Ich stehe auf, bringe mein Geschirr ins Café. Selbstbedienung.
Als ich herauskomme und in den wolkenbedeckten aber trockenen Himmel starre, fasse ich den Entschluss. Ich werde mir selbst Blumen kaufen. Immer, wenn ich sie will. Liebe muss ja nicht immer von anderen kommen.
Und Wünsche, ja Wünsche, die erfülle ich mir dann eben auch erstmal selbst.

*Der Titel bezieht sich übrigens auf die folgende, epische Interviewantwort von Cher: https://www.youtube.com/watch?v=-FfApyVItZo

Kathrin Ess Flowers 2020

Neuanfang / New beginnings

Worte & Gedanken

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Neuanfang

Vor 10 Jahren bin ich nach Berlin gekommen.
Das Gepäck, das ich hierhin trug, war schwer.
Es hat 10 Jahre gedauert, meine Koffer zu öffnen, ihren Inhalt herauszuholen, zu sortieren, teilweise zu verbrennen und durch so viel Neues zu ergänzen.
Jetzt fühle ich mich zum ersten Mal,
als hätte ich alles ausgepackt.

Vielleicht bin ich endlich angekommen.

——

New beginnings

Ten years ago I arrived in Berlin.
The baggage I carried with me was heavy.
It took 10 years to open my suitcases, to extract their content, to organise it, partially burn it and to complement it with so many new things.
Now for the first time I feel I’ve unpacked everything .

Perhaps I have finally arrived.

Der letzte warme Tag

Worte & Gedanken

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Der letzte warme Tag
bringt Gewissheit.
Dass Dinge sich stetig ändern und der Zyklus der Welt doch der gleiche bleibt.
Dass es nichts Schöneres gibt, als das Unperfekte, das Rohe, das sich noch formen lässt.
Dass in jedem Ende auch ein Anfang steckt.

Der letzte warme Tag bringt Freude.
Und Nostalgie.
Er trägt eine inhärente Schwere, die doch mit Leichtigkeit zu nehmen ist.
Ich umarme ihn zum Abschied.
„Mach’s gut, mein Freund. Bis nächstes Jahr“, flüstere ich leise, als er langsam verschwindet und die Sonne dabei mit sich nimmt.

Kompass

Worte & Gedanken

Manchmal passiert es im Leben, dass du im einen Moment alles hast und im nächsten nichts. Dass du im einen Moment noch den festen Boden unter den Füßen spürst und er im nächsten spurlos verschwunden ist. Dass dich eine unsichtbare Macht von der Erde und aus ihrer Umlaufbahn katapultiert. Hinein ins endlose All. Völlig erfroren, völlig allein.
Dort schweben sie dann, dein Herz und deine Seele, ziellos in der Dunkelheit. Ziellos im luftleeren Raum. Da wo vorher ein Weg war, ist nunmehr die bedrückende Weite der Unendlichkeit. Ohne Kompass und Orientierungssinn treibst du in ihr. Nicht einmal die Sterne oder das Licht der Sonne zeigen dir, wohin du dich wenden sollst. Es gibt keinen Indikator mehr für richtig oder falsch. Du weißt, dass du für den Moment nichts machen kannst, nur schweben. Doch das bist du nicht gewohnt. Also ruderst du. Mit Armen und Beinen. Immer stärker. Ergebnislos. Bis du schließlich aufgibst, dich der Schwerelosigkeit hingibst, dich von ihr treiben lässt. Sie nimmt dich auf, umhüllt dich. Sie ist dunkel und kalt, doch auch schützend und klar. Sie umfängt dich, leckt deine Wunden, schenkt dir schließlich neue Kraft.
Und dann irgendwann, klärt sich das Dunkel um dich auf. Du beginnst die Sterne zu sehen. Erst einen, dann zwei, dann ganz viele. Und dann weißt du, dass es weitergeht. Du beginnst wieder zu rudern, nutzt all deine neugewonnene Kraft. Du beschleunigst, findest vielleicht einen Rettungsring, vielleicht auch einfach nur einen Wegweiser, einen neuen inneren Kompass, der dir sagt, dass es weitergeht. Auf einem neuen Weg. Auf einem neuen Boden.

Das kleine Glück

Worte & Gedanken

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Manchmal bin ich eine Schlafwandlerin am hellichten Tag. Meine Träume begleiten mich, obwohl ich längst aufgewacht bin. Meine Gefühle verdrehen die Grenzen zwischen Traum und Realität, zwischen Magie und Alltag. An solchen Tagen kitzelt mich der Schnee zum Frühlingsanfang, erzählt mir Geschichten von der Schönheit der kleinen Dinge. An solchen Tagen weiß ich das Glück zu packen, und es mir unter den Arm zu klemmen. An solchen Tagen weiß ich, es für andere mitzunehmen und ihnen zu schenken….

Auf der Suche nach Weihnachten

Worte & Gedanken

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In einer Zeit, die eigentlich so still sein sollte, so besinnlich, bin ich auf der Suche nach Ruhe, doch ich finde sie einfach nicht. Die Gedanken sind rastlos, reden unentwegt auf mich ein. Sie haben Pläne, sie haben Ziele, doch ich schaffe es nicht, ihnen zuzuhören, mit ihnen mitzuhalten. Mein Gehirn wäre nämlich lieber träge und starr, mein Herz eingeschneit, einsam, eingekuschelt in eine Decke vor einem knisternden Kamin. Die Termine und Deadlines türmen sich vor mir auf wie ein Kartenhaus, bereit mich jeden Moment unter ihnen zu begraben, also renne ich mit ihnen, neben ihnen oder vielleicht eher nur hinter ihnen her. Denn so schnell wie alle anderen bin ich nicht.
Was ist es nur mit dem Ende des Jahres, dass wir so in Stress geraten, dass wir uns nicht trauen, Langsamkeit zu wagen? Was ist es nur mit der Weihnachtszeit, dass wir lieber Dingen nachjagen, und dabei das Träumen, das Nachdenken vergessen? Hat denn niemand bemerkt, dass bald Weihnachten ist, oder haben es alle gemerkt, nur ich nicht? Sind denn alle so viel resistenter, so viel rasanter, so viel besinnlicher als ich? Vielleicht bin ich es nur, die ständig Ruhe sucht, auf Weihnachtsmärkten, in Kinderaugen, in Kerzen, Keksen und Musik. Vielleicht liegt es nur an mir die Ruhe in mein Herz zu holen, der Stille ab und zu zu erlauben, sich zu setzen, mit mir gemeinsam auf Nichts zu warten, bevor ich mich dann doch wieder mit allen anderen ins Getümmel schmeiß. Auf der Suche nach Ruhe, auf der Suche nach Weihnachten.

Die Gefühle

Worte & Gedanken

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Was ist, wenn du ein Gefühl hast, das du nicht rauslassen kannst, wenn es sich festsetzt, wie Haare in einem Ablussrohr, dort ganz langsam ein Barriere bildet, undurchdringlich für alle anderen Gefühle? Was ist, wenn sich diese anderen Gefühle dann dahinter aufstauen, immer fester drücken, das Rohr fast zum brechen bringen? Wirst du einfach nur in deinen Gefühlen herumstochern, mit einem Draht zu fein, um etwas auszurichten, zu stark um es nicht noch mehr zu verschlimmern? Wirst du schließlich zu härteren Mitteln greifen, bis deine Gefühle nur noch eine weiße Suppe sind, in der du langsam davon spülst? Wirst du sie zutage fördern, dich mit ihrer Abartigkeit auseinandersetzen, mit dem Klumpen, der sie inzwischen geworden sind? Oder wirst du warten bis das Rohr schließlich bricht, und du in einem Scherbenhaufen sitzt, aber auf deiner Hand deine Gefühle?

Der Gärtner

Worte & Gedanken

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Und so stehe ich hier, mit Gummistiefeln und Handschuhen, mit Schaufel und Schere, in der Wildnis meiner Gedanken, weiß wie so oft nicht, wo ich beginnen soll. Ich kann nicht unterscheiden, was ist Unterkraut, was sind Pflanzen, begreife nicht, was weg muss, was mir am Ende einen Nutzen zollt. Also beginne ich einfach, buddle hier, schneide dort. Ich pflanze und sähe, behalte und schmeiße fort. Ich forme, was ich mag, ich schenke ihm Raum, lass es gedeihen. Ich höre nie auf, selbst im Winter nicht, verbringe jeden Tag im Freien. Ich sehe die Schwielen an meinen Händen, die gebückte Haltung meines Seins. So pflege ich meine Seele, bin der Gärtner meines Schicksals, der Gestalter meines Scheins.

Die bunte Seele

Worte & Gedanken

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Ach, Herbst. Du bist doch auch nur der Frühling des Winters. Bewegst dich in ewiger Tansition als Überbringer des Neuen, des Kontrasts zu dem, was gestern war. Ich muss ja gestehen, ich mag dich, Herbst. Du bist hübsch anzusehen, mit deinen vielen Farben, bist gemütlich, egal ob warm oder nass. Bist nicht beständig in deinem Streben, bist mal regnerisch, mal sonnig, mal stürmisch. Du weißt halt zu überraschen, Herbst, bist ein Dickkopf durch und durch. Wir können dir nur zusehen, uns deinem Willen fügen. Wir nehmen dich an, machen das beste aus dir, mit dem Gesicht in Sonne oder Nebel, unter Mütze oder Regenschirm. Wir werfen Blätter, sammeln Kastanien, tragen Laternen von Haus zu Haus, trinken Tee, machen Feuer und lesen Geschichten. Wir basteln aus dem, was du uns vor die Füße wirfst, trotzen so deinen langen Schatten. Ach, Herbst, ich mag dich, in der Vielzahl deiner Form, in deiner Unbeständigkeit, deiner sanften Rauheit. Ich mag dich, lieber Herbst, dich und deine bunte Seele.