Der ungebetene Gast

Worte & Gedanken

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Es ist Frühling. Träge sehe ich dem Gras beim Wachsen zu und bewundere die Natur, die mal wieder so tut, als sei nichts gewesen. Ich versuche zu verstehen, wie sie den Winter so schnell vergessen kann. Nach außen hin tu ich schließlich auch alles um den Frühling zu begrüßen, öffne alle Türen und Fenster ganz weit. Doch tief in mir drin kann ich den Winter noch nicht vertreiben. Mir steckt er noch in Mark und Bein. Also lass ich ihn, wo er ist, bereite ihm ein gemütliches Gästebett. Ich bin noch nicht so stark, doch vielleicht schafft die Natur den Rest. Und auch ich kann vergessen, nach und nach.

Bewegungslos

Worte & Gedanken

Wilde Möhre an Zaun (c) Kathrin Eß 2016

Ich sitze hier, bewegungslos, kann mich nicht mehr regen. Ich lasse mir die Sonne aufs Gesicht strahlen, ihre Wärme meinen Körper erfüllen, aber so richtig fühlen kann ich sie nicht. Ich habe so viel vor, würde gerne so viel erledigen, doch gerade kann ich nichts. Wenn ich mich erhebe, das weiß ich ganz genau, laufe ich nur ziellos umher, tue hier was, tue dort was, erreiche am Ende aber doch nichts. Und so sitze ich hier völlig regungslos. Kann nur denken, kann nur schreiben. Ich suche die Motivation aufzustehen, suche sie in Menschen, suche sie in Worten, suche sie in Taten. Es gibt sie, das weiß ich, tief in mir drin ist sie immer da. Doch gerade hat sie anscheinend eine Pause, will ruhen, einfach auch mal nichts tun. Also muss ich ihrem Beispiel wohl folgen, kann nichts machen, nur hier sitzen. Bewegungslos, regungslos, irgendwann geht’s schon weiter. So war’s schon immer, so wird’s auch immer sein.

In der Schleife der Zeit

Worte & Gedanken

(c) Kathrin Eß 2016
Als ich vom Bildschirm meines Handys aufblicke, ist die Sonne bereits aus dem Garten verschwunden. Das Wissen, dass sie im Laufe des Tages ihren Weg auch nicht mehr zurückfinden wird, macht mich traurig. Es ist gerade mal 9:08 Uhr.
Die Tage werden immer kürzer und das Jahr und die Zeit im Allgemeinen rasen an mir vorüber. Ich schreibe To-Do-Listen, versuche effizient zu sein. Ich versuche den Moment zu leben, mich in Achtsamkeit zu üben. Ich versuche meine Zeit zu nutzen und scheitere doch kläglich, jeden Tag.
So oft überlege ich, ob das, was ich den ganzen Tag mache, überhaupt richtig ist, suche mich dann selbst, weiß nicht wer ich bin. Ich versuche zu kompensieren, überdenke mein Sein, meinen Schein. Ich will mich ändern, verändern, aber meistens mache ich dann doch nichts. Vielleicht ist eigentlich alles in Ordnung. Vielleicht muss ich gar nichts ändern. So richtig weiß ich es nicht.
Ich schätze, ja, irgendwie hoffe ich sogar, dass das eine Begleiterscheinung des Erwachsenwerdens ist. Dass ich noch formen will, wo längst schon eine Form entstanden ist. Dass ich nur ein Ausweg suche aus der Schleife der Zeit.
Denn am Ende der meisten Tage ist ja doch alles wieder ok, und eins weiß ich mit Sicherheit: Dass die Sonne morgen wieder kurz den Garten berühren wird, aber dass auch das nur eine Phase ist und sie wieder länger bleiben wird. Ja, am Ende der meisten Tage weiß ich, dass das der Fluss der Dinge ist, und dass ich darin schwimmen kann, egal wie stark seine Strömung ist.

/trænˈzɪʃən/

Worte & Gedanken

Go with the flow / Glückskeks (c) Kathrin Eß 2016

Ich sehne mich nach Stillstand. Nur für ein paar Monate nichts Neues erleben, planen, fühlen. Wissen, dass keine Überraschungen auf mich warten, alles total vorausschaubar, alles an seinem Fleck.
Ich sehne mich nach Langeweile, wenigstens für ein paar Stunden. Nicht immer aufmerksam sein, einfach treiben lassen in der Leere, einfach berieseln lassen vom Staub, der auf mich herabfällt, während ich da so liege.
Gerade könnte alles ein bisschen gemächlicher sein: Weniger Speed, mehr Verinnerlichung, weniger Wechsel, mehr Monotonie. Projekte könnten ein Ende finden, Beständigkeit einen Anfang. Ja, das wäre ganz schön.
Aber eigentlich will ich dann doch nicht tauschen, eigentlich bin ich schon im puren Glück. Ich muss mich wohl dran gewöhnen, dass das Leben eine einzige Transitionsphase ist. Ich muss begreifen, das alles anders bleibt, muss einfach mitschwimmen, immer weiter, und dort Ruhe finden, wo es vermeintlich keine Ruhe gibt.

Das Versprechen der Sonne

Worte & Gedanken

Dach in Berlin im Licht des Sonnenuntergangs / Das Versprechen der Sonne (c) Kathrin Eß, 2016

Und plötzlich, kurz bevor sie schlafen geht, berührt die Sonne das Dach gegenüber. Sie wärmt es, tönt es in den Farben ihres Feuers. Sie verspricht ihm goldene Tage, gefüllt mit ihrem Licht. Doch bittet sie auch um Geduld, denn ein warmes Dach macht noch lange keinen Sommer. Dann verschwindet sie, und das Dach und ich, wir hoffen, dass sie hält, was sie verspricht.

Train of thoughts

Worte & Gedanken


Es ist ein sehr alter Zug, in dem ich gerade nach Berlin reise. Und während die Landschaft an mir vorrüberzieht, und das Baby in meinen Armen selig schläft, fällt mir eine andere Fahrt, in einem ähnlichen Zug ein. Sie ist schon ein paar Jahre her, aber auch nicht so viele. Trotzdem scheint es mir, als sei sie eine halbe Ewigkeit her. Damals war ich noch so viel jünger, so viel verrückter und wilder, hatte ganz andere Freuden und Sorgen. Ich glaubte, schon alles zu kennen, nicht mehr im Leben zu brauchen als meine Freiheit. Doch ich wusste es ja auch nicht besser. Jetzt, während die Landschaft an mir vorrüberzieht, und das Baby in meinen Armen selig schläft, weiß ich, dass es Größeres, ja, Anderes gibt. Es ist auch wild, manchmal auch laut, doch es bindet mich. Es ist auch verrückt, braucht auch sein Chaos, wenn auch wenig Spontaneität. Es ist für mich gerade das Schönste auf der Welt. Doch ich weiß es ja auch nicht besser.

Aeternitas

Worte & Gedanken

Kathrin Eß - Aeternitas / Himmel und Wolken/ Sky and Clouds /

Und schon wieder ist das Jahr schneller als ich, überholt mich, rennt an mir vorbei. Während es schon auf Ende Januar zuläuft, Termine macht, Projekte plant, bin ich noch verkatert von der Silvesternacht, hänge fest am Neujahrstag, will ihn nicht verlassen.
Ich will nicht, dass die Zeit vergeht, will kein Vorwärts, will nur das Jetzt. Ich will noch keine Pläne schmieden, will nicht an das Nächste denken, will nur die Langsamkeit, nur den Moment, für immer und eine Ewigkeit.
Eine Idee kommt mir in den Sinn: Vielleicht verharre ich einfach solange in der Starre, beweg mich nicht, vergess die Zeit. Vielleicht vergisst sie dann auch mich, lässt das Jahr alleine in die Zukunft ziehen, lässt mich zeitlos sein im Hier und Jetzt, zeitlos in der Vergangenheit.

Was kein Foto festhalten kann

Worte & Gedanken

Da liegt sie neben mir und schläft, und sie ist wunderschön. Ein kleiner Engel der gerade aus dem Himmel hierhergeschickt wurde und ganz erschöpft von seiner Ankunft nun ruhen muss.
Ich weiß, dass das kitschig ist, aber in diesen Momenten kann ich einfach nicht anders. In diesen Momenten, in denen mein Baby das perfekte Baby ist, in denen mich ihre Augen, ihre Wimpern, ihr Wangen, ihr Mund verzaubern, in denen sie irgendetwas Großartiges macht, in denen mich ihr Lächeln umwirft oder – wie jetzt – ihr Schlaf verzückt. Immer dann hole ich meine Kamera raus, mache Fotos wie eine Besessene, weil ich diese Momente für immer festhalten will, weil ich Angst habe sie zu vergessen, für immer zu verlieren.
Ich traue meinem Gehirn nämlich nicht, weiß, dass es nur manche Erinnerungen behalten und viele andere einfach löschen wird. Dabei wünsche ich mir doch so sehr, die schönen Augenblicke mit meinem Kind alle immer und für immer parat zu haben.
Doch leider ist meine Handykamera nur eine bedingt gute Hilfe. Denn obwohl sie und ich gemeinsam schon viele tolle Bilder gemacht haben, kann sie die Situation oft nur als schemenhafte Reproduktion des Moments einfangen.
So wie jetzt. Denn egal von welchem Standpunkt ich den kleinen Engel vor mir ablichte, egal ob mit Blitz oder ohne: Es ist einfach nicht dasselbe. Meine Kamera kann die Schönheit des Moments, meine tiefe Liebe zu diesem Kind einfach nicht festhalten.
Ich denke an die Zeit vor meinem Baby, als ich die Angst zu vergessen noch nicht kannte. Damals machte ich nur wenige Fotos, weil ich wusste, dass die Erinnerung an den Moment viel schöner ist, dass es nur selten Bilder braucht um Gefühle abzuspeichern. Ich nutzte die Bilder, die ich aufnahm als Erinnerungstütze, versuchte gar nicht erst die Magie des Augenblicks festzuhalten.
Dieses Selbstvertrauen von damals macht mir plötzlich wieder Mut. Ich lege das Handy samt Kamera beiseite und meinen Kopf dicht neben den kleinen Engel, präge mir das himmlische Babygesicht tief ein. Ich genieße ihn, diesen Moment der großen Mutterliebe und hoffe, dass mein Gehirn ihn mir auch ohne Foto für immer festhält.

Für die Unschuldigen 

Worte & Gedanken

Wald, Forest, schwarzweiß, black and white, sadness, Trauer

Mein Herz ist bei denen, die unschuldig sind. Bei denen, die sterben mussten, und denen, die verloren gingen. Bei denen, die vermissen und denen, die trauern. Bei denen, die Schmerzen spüren, und denen, die Qualen erleiden. Bei denen, die alles verloren haben, und denen, die fliehen müssen. Bei denen, die frieren, und denen, die hungern.
Mein Herz ist bei denen, die ohne Schuld vom Schicksal gestraft wurden. Bei denen, die sich fragen, warum all das ausgerechnet ihnen geschehen muss.
Mein Herz ist in Paris, weil dort Fürchterliches in meiner Nähe geschah, weil es auch in meinem Alltag hätte passieren können, weil es mir meine Verwundbarkeit zeigt.
Mein Herz ist dadurch aber auch noch mehr in anderen Städten und Ländern, in denen andere Menschen täglich leiden. Und es ist auch unterwegs mit denen, die ihr Heim verloren haben und sich in Gefahr begeben um Sicherheit zu finden.
Mein Herz ist da, wo die Unschuldigen sind. Nicht nur heute, nicht nur die nächsten Tage. Es war es schon und wird es immer sein. Denn mein Herz macht keinen Unterschied zwischen denen, die leiden. Es kennt keine Zeit und keinen Ort. Es kennt keine Herkunft und keine Religion.
Ich weine, wenn ich an die Unschuldigen denke. Ich bin wütend auf die, denen das Leben anderer egal ist, die keinen Respekt und kein Mitgefühl haben.
Ein Grund mehr die, die unschuldig sind, zu unterstützen, ihnen zu helfen, ihnen Mut zuzusprechen, sie in den Arm zu nehmen. Ein Grund mehr sich ein Herz zu fassen und denen, die Gutes wollen, die Hand zu geben. Jeden Tag ein Zeichen zu setzen für Verständnis und für Frieden.

Und plötzlich ist es so.

Worte & Gedanken

Sylt, Boardwalk, Open End, KathrinessIch stehe im Bad vor dem Spiegel und plötzlich wird mir klar, dass ich jetzt Mutter bin. Natürlich weiß ich das schon seit zwei Monaten und zusätzlich hatte ich davor acht Monate Zeit, mich darauf vorzubereiten. Doch so richtig ist es erst jetzt in meinem Kopf angekommen.

Es ist keiner dieser romantischen Momente der Glückseligkeit. Wenn ich ehrlich bin, sind meine Empfindungen in diesem Augenblick der Erkenntnis recht sachlich. Eher nach dem Motto: „Aha, so ist das also.“ Denn plötzlich weiß ich: Ich bin in einem neuen Hier und Jetzt angekommen, einer neuen Rolle, einem neuen Selbst.

Der Mensch macht viele solcher Entwicklungen in seinem Leben durch, kommt immer wieder an einen solchen Punkt, denn er denkt in Lebensstadien, die zu erreichen sind. Während er sich noch in dem einen Stadium befindet, baut er Vorstellungen und Erwartungen über das nächste, oder vielmehr noch, über alle auf, die in Zukunft potentiell zu erreichen sind.

Anfangs denkt man noch Schrittweise. Wenn man im Kindergarten ist, denkt man z.B. erst einmal nur über die Grundschule nach. In der Grundschule erweitert sich die Lebensplanung dann aber schon. Man macht sich Gedanken über alles was das Leben so bringen könnte: Die nächste Schule, Beruf, Erwachsensein. Auf der weiterführenden Schule geht das so weiter, ebenso in der Ausbildung oder im Studium. Immer scheint alles so fern – und immer kommt es dann schneller als man denkt.

Ich weiß noch, wie ich auf dem Gymnasium und meiner Zeit in England noch ständig über das Studieren nachdachte, und dann war ich plötzlich Student. Und noch viel schneller hatte ich fertig studiert. Ich erinnere mich auch nur zu gut, wie ich meinen ersten Job begann. Am Anfang war es noch aufregend, und ganz plötzlich war es dann Normalität.

Viel plötzlicher war ich sogar verheiratet. Plötzlich die Frau von einem Mann. Ähnlich wie das Muttersein, gehört das Verheiratetsein zu den Dingen, über die man schon recht früh im Leben Gedanken macht. Will ich heiraten und Kind haben? Das ist die Frage, die man sich immer wieder gestellt und wahrscheinlich auch – je nach aktueller Lebenslage – anders beantwortet hat.
Es gab lange Phasen in meinem Leben in denen ich mir beides nicht vorstellen konnte, und dann plötzlich aber schon. Und dann ging alles ganz schnell. Plötzlich war ich Frau Eß, jetzt sogar Mama Eß.

Was steht mir nun also noch bevor, jetzt wo ich in diesem Stadium angekommen bin, was lange Zeit so weit entfernt schien? Karriere? Alt werden? Oma werden? Das Unvermeidliche?

Keine Vorbereitungszeit der Welt kann reichen um einen auf eine solche neue Rolle vorzubereiten. Man springt irgendwie immer ins kalte Wasser. Am Anfang treibt man noch, oder man strampelt um sein Leben, doch irgendwann schafft man es dann zu schwimmen. Und dann fängt man wieder an zu denken, zu atmen, zu leben. Und man merkt, dass in der Bewegung das Wasser dann doch nicht so kalt ist.

„Alles gut also“, denke ich, als ich vom Spiegel wegtrete und mich wieder voll und ganz meiner neuen Rolle widme.