Für die Kunst

In meinem Kopf
DieBruecke_KEss

 

Ich fahre jetzt wieder jeden Tag in die Stadt hinein. Hin und zurück, Bus und Bahn. Auftrag beim Kunden. Arbeit im Büro. Vor ein paar Jahren habe ich das schon einmal gemacht. Gleiche Firma, anderer Job, andere Umstände, anderes Leben.
Das bedeutet, dass ich das alles kenne. Der Weg fängt etwas früher an. Andere Haltestelle. Doch er ist eigentlich der gleiche. Gleiche Strecke, gleicher Bahnhof, gleiche Treppe, gleiche Akkordeonspielerin, gleicher Fußweg, gleiches Haus, gleicher Fahrstuhl. Sogar das Tagesgericht, das der Italiener auf dem Weg an seine Tafel schreibt, ist immer noch das gleiche. Nichts hat sich geändert. Und absolut alles.
Viel Wasser ist die Spree heruntergeflossen. Ein Kind wurde geboren. Ein neues Zuhause gefunden. Ein Lebensweg eingeschlagen, der alles in eine andere Perspektive rückt.
Damals, als ich zum ersten Mal in dem Büro arbeitete, war dieser Lebensweg nur eine Idee. Eine Wunschreise, von der ich träumte, während ich zwar schon von alten Pfaden abgekommen war, aber noch in ihrer Nähe trottete, aus Angst mich zu verlieren. Doch dann, irgendwann, bin ich losgelaufen. Weg vom Alten. Noch unsicher und wackelig, aber Hauptsache weg.
Zwischenzeitlich habe ich Reiseführer und Atlanten gewälzt, habe Pläne geschmiedet und verworfen, habe meine Route mehrmals angepasst, mich immer wieder neu erfunden, immer wieder neu entdeckt.
Ich weiß nun, was ich will, wohin ich will, auch wenn ich den Weg, und das, was darauf lauert, immer noch nur fragmentarisch kenne.
Trotz dieser Gewissheit ist es schwierig. Jeden Tag. Alte Ängste vergehen nicht so schnell. Warten darauf, endlich wieder an die Oberfläche zurückzukehren, um mich zu bremsen, um mich zurückzuschicken, dahin, wo ich war, wohin ich nicht mehr will.
Die Ängste singen das Lied vom Leben mit der Kunst. Davon, dass man VON ihr nicht leben kann. Zumindest aktuell. Doch, was die Ängste nicht wissen: Ohne Kunst lebt es sich – zumindest in meinem Fall – nur schlecht. Ohne die Kunst hat die Luft keinen Sauerstoff, die Nahrung keinen Gehalt, die Liebe kein Glück.
Also entscheide ich mich für sie. Wieder und wieder. Nehme meinen Mut zusammen und die Angst bei der Hand. Fahre mit ihr nun wieder in die Stadt hinein. Für eine Weile, jeden Tag. Für mein Leben. Für die Kunst.

Die Frau mit dem Akkordeon

In meinem Kopf

Ein x-beliebiger Bahnhof irgendwo in Berlin-Mitte
Jeden Morgen, wenn ich müde die Bahn verlasse, höre ich sie schon: Die Klänge des Akkordeons. Das Akkordeon gehört zu einer Frau von – vermutlich – osteuropäischer Herkunft mit blondgfärbten Haaren. Jeden Morgen sitzt sie an der gleichen Stelle auf einer Decke, und spielt eine ähnliche Melodie. Sie spielt für Geld.
Sie ist keine Pennerin, sieht nicht heruntergekommen aus. Sie macht das auch nicht alleine für sich. Das weiß ich, weil sie manchmal nicht alleine ist. Die Frau mit dem Akkordeon hat Kinder. In den Ferien saß manchmal morgens ein Junge bei ihr. Jetzt, wo die Schule wieder begonnen hat, hält er manchmal nachmittags ihren Platz, wenn sie kurz weg ist. Er hat eine Schultasche dabei, das heißt, er lernt. Vielleicht um einmal mehr zu werden als ein Akkordeonspieler.
Obwohl ich die Frau mit dem Akkordeon nicht kenne, bewundere ich sie. Sie ist so fleißig, sitzt jeden Tag dort, als wäre es ein richtiger Job. Ich frage mich, wieso eine Frau wie sie keine Anstellung hat mit Sozial- und Krankenversicherung und allem Drum und Dran. Ob sie nicht kann, nicht will, oder einfach keine andere Chance hat? Ich weiß es nicht, doch ich wette, dass sie jeden Cent, den sie verdient in ihre Kinder steckt. Die sehen nämlich gepflegt aus und gehen, wie gesagt, zur Schule. Sie passt so gar nicht in das Bild, dass man von Bettlern hat. Deshalb sehe ich sie wahrscheinlich auch nicht so. Für mich ist sie ein Durchschnittsmensch mit einem außergewöhnlichen Beruf, aber auch noch ein wenig mehr. Sie ist für mich wie die Verkäuferin beim Bäcker früher, die man kennt und mag, einfach nur, weil man sich jeden Tag sieht. Dabei leistet die Frau mit dem Akkordeon eigentlich nichts für mein Leben, außer dass sie da ist und Musik spielt. Trotzdem mag ich sie und ich würde sie vermissen, wäre sie eines Morgens nicht mehr da. Und weil ich sie mag und ich ihren Fleiß nicht jeden Tag mit Geld honorieren will, schenke ich ihr etwas Anderes.
Jeden Morgen, wenn ich sie sehe, und sie zufällig gerade zu mir blickt, wenn ich vorbeigehe, sage ich ihr ein freundliches „Guten Morgen“. Sie kennt das nun schon, lächelt und grüßt mich zurück. Mich die Frau mit dem roten Mantel.
Es ist vielleicht keine große Geste, doch ich weiß, sie freut sich, denn sie weiß, dass ich sie als Mensch sehe, dass ich sie respektiere.