Die Baustelle

Gedicht

Baustelle Berlin (c) Kathrin Eß 2018

In Berlin wird gebaut
Unermüdlich, Stein auf Stein
Das war schon immer so
Und wird niemals anders sein

In Berlin ist es kalt
Menschen frier‘n, Menschen schimpfen
Laufen nur schnell vorbei
Wegschaun, Nasen rümpfen

Ich bin zu lange hier
Wollt’ nicht bleiben, sitze fest
Bin eine von vielen
Die ihr schließlich doch vergesst

Berlin ist halt anders
Tag ist Nacht und Nacht ist Tag
Und ich stelle fest,
dass ich diese Stadt
sogar im tiefsten Winter mag

Im Nieselregen

In meinem Kopf

Baum mit roten Blättern / Nieselregen / Herbst in BerlinEin sanfter Regen nieselt leise auf den Stoff meiner Kapuze, und während ich mich frage, wieso der Wetterbericht eigentlich nie die Temperatur ansagt, die ich fühle, schwitze ich in Wollpulli und Regenmantel.
Kurz halte ich in einem Laden, in dem der Verkäufer mir von seiner letzten Nacht erzählt, die ihn heute zum langsamen Zombie mache. Getrunken und Musik gemacht habe er am Vorabend, und das, obwohl er schon Mitte vierzig sei.
Ich weiß nicht, warum ausgerechnet mir alle Leute immer einen Schwank aus ihrem Leben erzählen, aber während er das tut und ich noch stärker in meinem Wollpulli schwitze, weiß ich, dass ich ihn beneide.
Das letzte Mal Musik gemacht habe ich vor zwölf Monaten, der letzte richtige Rausch ist viel länger her. Beides fehlt mir, aber beides geht gerade einfach nicht.
Ich sinniere darüber, während ich weiter gehe. So sehr, dass ich auf dem Schild an der Tür des Kindergartens, an dem ich vorbeilaufe, etwas von „alkoholbedürftigen Eltern“ lese. Ich lache und will schon mein Handy zücken um das zu fotografieren, als ich sehe, dass da „abholbedürftig“ steht.
Lieber mache ich mich also wieder auf den Weg und konzentriere mich auf das Kind, das ich im Kinderwagen vor mir her schiebe und das gerade friedlich einschläft. Was ein Glück!
Glücklich macht mich auch der Baum mit den leuchtend roten Blättern, den ich unterwegs sehe und für den ich dann doch noch mein Telefon zum Ablichten aus der Tasche krame.
Mehr Glück – auch für andere Lebensbereiche – erhoffe ich mir, als ein Schornsteinfeger auf der anderen Straßenseite an mir vorbeiläuft. Doch beim genaueren Hingucken wird mir klar, dass das nur ein „normaler“ Typ mit Zylinder ist.
Glück braucht auch der Junge, der vor mir seinen hyperaktiven Hund an der Leine durch die Gegend zerrt. Denn gerade als er mir zulächelt – wahrscheinlich um in meinem Blick Verständnis für seine Lage zu finden – entschlüpft der Hund seinem Halsband und rennt davon. Kurz blicke ich den beiden hinterher und hoffe, dass der Hund sich bald fangen lässt.
Dann gehe ich weiter – langsam, viel zu langsam – und lausche unter meiner Kapuze dem Nieselregen.

Eine Überraschung in der Stadt

In meinem Kopf, Magic

Krokusse in Berlin Friedrichshain
Heute war einer dieser Tage an denen ich gar nicht so die Lust empfand mit dem Kind im Kinderwagen draußen eine Runde zu drehen. Dabei war das Wetter so schön – kühl, aber sonnig, so prächtig herbstlich.
Am Morgen hatte ich noch große Pläne geschmiedet. Ich wollte eine längere Route wählen vielleicht an der Spree entlang oder durch einen Park. Wie an so vielen Tagen zog es mich in die Natur, also überlegte ich , wo ich diese in der Stadt am besten finden könnte.
Doch meine Pläne und Überlegungen wurden mal wieder vom Chaos des Alltags durchkreuzt. Das Kind war den ganzen Morgen müde, wollte aber nicht schlafen, war hungrig, wollte aber nicht trinken, und weil es wahrscheinlich von sich selbst verwirrt war, weinte es dann halt. Als wir dann endlich an dem Punkt waren, an dem es hinaus gehen sollte, war ich viel zu müde um noch einen weiteren Weg auf mich zu nehmen.
Frustriert und müde lief ich die Parallelstraße entlang. Wenigstens schlief das Kind dabei ein, weshalb ich beschloss, einen längeren Schlenker zu nehmen – eine Runde ums Berghain und durch den Parkstreifen neben der S-Bahn.
Ich mag diese Strecke. Irgendwie freue ich mich immer da spazieren zu gehen, wo die anderen sonst in der Schlange stehen. Außerdem ist das Berghain so ein cooles Gebäude und der Parkstreifen in seiner leicht verranzten Unordnung recht charmant. Heute leuchtete er zudem im Orange, Gelb und Grün des Berliner Altweibersommers. Das war ja doch ganz okay eigentlich, dachte ich.
Als ich dann am Ende des Parks am Street Football-Platz vorbeikam und der Vater der darauf spielenden Familie die Kinder auf eine Art Habicht (leider bin ich ornithologisch nicht so bewandert) hinwies, der da auf einem Pfahl trohnte und wahrscheinlich nach seinem Nachmittagssnack Aussicht hielt, und ich danach ein Beet voller wild wachsender Krokusse fand, die ihre Köpfchen aus dem Laubbett räkelten, erfüllte mich das mit einem Gefühl der Wärme im Herzen.
So schlecht ist die Stadt im Sachen Natur ja gar nicht, dachte ich. Zumindest weiß sie mich ab und an immer noch damit zu überraschen.

Morgens halb neun in Deutschland

In meinem Kopf

Berlin früh am MorgenMein Gehirn ist komisch. Wenn es sich morgens gegen kurz nach acht auf den Arbeitsweg begibt, schwerfällig getragen von meinem Körper, kann es nicht anders, als die Umwelt um mich herum genauestens zu beobachten. Eigentlich ist es dann noch müde, weigert sich gegen all diese Einflüsse, aber es nimmt sie dennoch auf, verarbeitet sie. So passiert es, dass ich schon früh am Morgen eine Menge an Dingen sehe, höre und rieche.
Eine Gruppe besoffener, aber gepflegt aussehender Menschen, die den Pennern ihren Platz vor dem Supermarkt geklaut haben, und lauter grölen, als es die Penner je könnten.
Ein Partygänger, der anscheinend gerade aus dem Club gekommen, noch so drauf ist, dass er glaubt, er könne mit Tieren kommunizieren, und der deshalb mit einer Taube spricht und tanzt.
Bettler, die Geld für eine Zeitmaschine sammeln.
Touristen, die verwirrt auf Fahrpläne schauen und noch verwirrter werden, als eine Durchsage kommt, die aber eigentlich auch niemand versteht, der deutsch spricht.
Eine Frau mittleren Alters, die adrett aussieht, aber so riecht, als hätte sie früh am Morgen schon 20 Kilo Zwiebeln frittiert. Ein Pärchen mittleren Alters, das etwas zu doll in der Bahn kuschelt, während der männliche Part lautstark auf seinen Kopfhörern Enrique Iglesias hört.
Ein Typ, der neben mir sitzend, auf Google Bilder von verliebten Pärchen ansieht.
Businessleute, die in ihren Anzügen und Kostümchen auf Parkbänken sitzen und noch schnell eine vor der Arbeit rauchen.
Jeden Morgen sehe ich, wie anders die Menschen sind, die mit mir gemeinsam in dieser Stadt, auf diesem Planeten leben. Es gibt so wahnsinnig viele davon und ich werde wohl niemals greifen können, wie krass der Unterschied wirklich ist. Doch, auch wenn es mich manchmal überfordert, bin ich froh diese Unterschiede zu sehen, nur um zu wissen das es sie gibt. Vielleicht beobachtet mich ja auch manchmal morgens jemand und wundert sich, wie anders mein Leben doch als das seine ist.

Die Frau mit dem Akkordeon

In meinem Kopf

Ein x-beliebiger Bahnhof irgendwo in Berlin-Mitte
Jeden Morgen, wenn ich müde die Bahn verlasse, höre ich sie schon: Die Klänge des Akkordeons. Das Akkordeon gehört zu einer Frau von – vermutlich – osteuropäischer Herkunft mit blondgfärbten Haaren. Jeden Morgen sitzt sie an der gleichen Stelle auf einer Decke, und spielt eine ähnliche Melodie. Sie spielt für Geld.
Sie ist keine Pennerin, sieht nicht heruntergekommen aus. Sie macht das auch nicht alleine für sich. Das weiß ich, weil sie manchmal nicht alleine ist. Die Frau mit dem Akkordeon hat Kinder. In den Ferien saß manchmal morgens ein Junge bei ihr. Jetzt, wo die Schule wieder begonnen hat, hält er manchmal nachmittags ihren Platz, wenn sie kurz weg ist. Er hat eine Schultasche dabei, das heißt, er lernt. Vielleicht um einmal mehr zu werden als ein Akkordeonspieler.
Obwohl ich die Frau mit dem Akkordeon nicht kenne, bewundere ich sie. Sie ist so fleißig, sitzt jeden Tag dort, als wäre es ein richtiger Job. Ich frage mich, wieso eine Frau wie sie keine Anstellung hat mit Sozial- und Krankenversicherung und allem Drum und Dran. Ob sie nicht kann, nicht will, oder einfach keine andere Chance hat? Ich weiß es nicht, doch ich wette, dass sie jeden Cent, den sie verdient in ihre Kinder steckt. Die sehen nämlich gepflegt aus und gehen, wie gesagt, zur Schule. Sie passt so gar nicht in das Bild, dass man von Bettlern hat. Deshalb sehe ich sie wahrscheinlich auch nicht so. Für mich ist sie ein Durchschnittsmensch mit einem außergewöhnlichen Beruf, aber auch noch ein wenig mehr. Sie ist für mich wie die Verkäuferin beim Bäcker früher, die man kennt und mag, einfach nur, weil man sich jeden Tag sieht. Dabei leistet die Frau mit dem Akkordeon eigentlich nichts für mein Leben, außer dass sie da ist und Musik spielt. Trotzdem mag ich sie und ich würde sie vermissen, wäre sie eines Morgens nicht mehr da. Und weil ich sie mag und ich ihren Fleiß nicht jeden Tag mit Geld honorieren will, schenke ich ihr etwas Anderes.
Jeden Morgen, wenn ich sie sehe, und sie zufällig gerade zu mir blickt, wenn ich vorbeigehe, sage ich ihr ein freundliches „Guten Morgen“. Sie kennt das nun schon, lächelt und grüßt mich zurück. Mich die Frau mit dem roten Mantel.
Es ist vielleicht keine große Geste, doch ich weiß, sie freut sich, denn sie weiß, dass ich sie als Mensch sehe, dass ich sie respektiere.

Der Mensch im Schienenersatzverkehr // Gedicht

Lyrisches, Wortzauber

Der Mensch im Schienenersatzverkehr hat EileEs ist schon erstaunlich, wie der Mensch in großer Eile,
sein Tun verlangsamt für eine bestimmte Weile,
in der er keine Muße kennt,
er dem Leben hinterherrennt.

Um fünf Minuten schneller am Ziel zu sein,
stellt er sich selbst ein Bein.
Er hält sich einfach nur auf,
doch das merkt er nicht, während er rennt und schnauft.

Eilen, warten, genervt sein.
Drücken, warten, genervt sein.
In den Nacken atmen, warten, genervt sein.
Schimpfen, warten, genervt sein.

Er hat doch keine Zeit, das Leben ist zu kurz,
seine Termine zu dringend.
Doch merkt er nicht, dass Eile niemals zur Schnelligkeit wird
– zumindest nicht zwingend.

In all seiner Hast, sieht er kaum,
dass die Eile ihm nichts bringt,
außer eine Verkürzung seiner Lebensminuten vielleicht,
um die er doch eigentlich so verbittert ringt.

Eilen, warten, genervt sein.
Schieben, warten, genervt sein.
Ellbogen raus, warten, genervt sein.
Schimpfen, warten, genervt sein.

Sterben, warten, genervt sein.

Am Ende des Regenbogens

In meinem Kopf, Magic

Regenbogen über Berlin / Rainbow over Berlin / Banksy / Street ArtAm Montag Abend strahlte über Berlin plötzlich ein Regenbogen. Die Menschen, die ich auf den Straßen sah, blickten verzaubert nach oben, wenn auch nur für einen kurzen Moment. Dann zückten sie – genau wie ich – ihre Handys oder Kameras und fotografierten das Naturspektakel. Viele teilten es gleich auf ihren sozialen Netzwerken. Einer meiner „Freunde“ dort schrieb zu seinem Bild sinngemäß: „Bin dann mal auf der Suche nach dem Topf voller Gold“. Für einen Augenblick musste ich schmunzeln. Jeder, der wie ich das Magische im Leben liebt, würde wahrscheinlich gerne einmal über einen Regenbogen wandern, die Welt durch seine Farben sehen und dann am Ende angekommen, den Goldopf abstauben.
Doch dann schoss mir ein anderer Gedanke in den Sinn: Wollen wir eigentlich wirklich diesen Topf voller Gold? Müssen wir immer das ultimative Ziel erreichen um glücklich zu sein, oder reicht vielleicht der Weg dahin? Je länger ich darüber nachdachte, kam ich immer nur zum gleichen Ergebnis: Es reicht wahrscheinlich schon aus, wenn man es überhaupt auf Regenbogen schafft, und dann auf ihm wandern darf. Wo genau am Ende das Ziel liegt, ist nur eine Frage der eigenen Perspektive.

Where do I go from here?

In meinem Kopf

Säulengang auf der Museumsinsel

Berlin spielt wieder Schneeweißchen und hat sich dank Minusgraden seinen schmutzigen Wintermantel angezogen. Auch die Restaurants und Bars auf dem nahen Ballermann der Simon-Dach-Straße haben ihre Sitzmöbel eingezogen wie eine Schildkröte ihren stummeligen Schwanz. Irgendwie ist das ja auch mal ganz schön, vor allem wo jetzt gerade die Sonne scheint sollte ich einfach das Haus verlassen und die Stadt genießen. Jetzt wo die Touristen und Erasmusstudenten lieber in Cafés sitzen statt draußen zu frieren, könnte die Stadt meine sein. Doch irgendetwas hält mich davon ab. Bin ich vielleicht schon so verdrossen, dass ich selbst diesen Tag nicht genießen kann, der wunderschönes verspricht. Habe ich so genug von den Abgründen aus Beton und den Abgase verbreitenden Tieren, die mir das Herz versteinern und den Verstand vernebeln.

Ich bin leicht bis mittelschwer verzweifelt. Wie lange halte ich das noch aus? Vielleicht sollte ich bei meinen Spaziergänge durch meine Hood akzeptieren, dass es sich bei meiner Kulisse um ein urbanes Moloch und nicht um eine wohltuende Waldoase handelt?

Vielleicht sollte ich runter zur Spree gehen, oder in den Plänterwald, oder vielleicht einfach nach Brandenburg fahren? Mal ganz ehrlich: Es ist einfach nicht das Gleiche. Ich habe fast immer in der Nähe von Feld und Wald gelebt, freie Flächen genossen, Stille und frische Luft, die einem den Kopf klar halten. Hier ist nichts davon. Ich bleibe zwar ruhig, muss aber für einen Moment weinen. Wo soll ich denn jetzt hin?

Ich habe wohl keine Wahl, stelle ich zermürbt fest. Mein Leben ist einfach passiert, hat seinen Mittelpunkt hierhin gelegt, ob ich es will oder nicht. Freunde, Liebe, Berufsaussichten –  alle sind sie hier. Nur ich irgendwie nicht. Mein Kopf und mein Herz sehnen sich nach etwas anderem, das nichts mit der engen und doch so weiten Großstadt zu tun hat. Ein unschuldiges Leben in Ruhe und Natur. Keine Menschen, keine Gebäude, keine Abgase. Kein Stress, keine Lautstärke, kein Druck. Ich bin zerrissen und laufe mir selbst hinter um die Fetzen aufzusammeln. Ja, ich werde melodramatisch. Zum Glück klingelt plötzlich das Telefon. Meine Eltern, die mich in Berlin besuchen wollen. Mir geht ein Licht auf: Wollte ich nicht immer hier sein, war das nicht immer der Plan? Sie kommen her, weil sie Abwechslung wollen – Berlin als Frischluf. Also werde ich das einfach auch tun. Ich buche ein Ticket in die Heimat und gehe hinaus, um die Aufregung der Stadt zu inhalieren.

one year

Magic


One year Berlin has gone by. My first. Slowly time has passed, but still so quick. Nearly unnoticed, but still every second embraced. I remember the day I arrived as if it happened yesterday and still it seems so far away. People I’ve met: people that left, others that just stepped into my life. Places new and different have become my home. But still so much to discover. And inbetween, swimming with time and within this space: me. Flowing with and sometimes standing up in the current, trying to be a rock – rough but secretly shaped by new waves. Another year is coming up. And new streams will pass, some warm others ice cold. And I will still stand up straight: enjoy and doubt, love and loathe, live and let go. Just be and not attempt. Things will happen anyway.

Im Schnee

Magic

Berlin im Winter

Schön liegt sie da, die große Stadt, zugedeckt mit einem weißen Mantel.
Der Asphalt verschwindet darunter und auch die Dächer haben sich weiße Mützen angezogen.

Man selbt sucht Wärme, die Kinder haben Spaß: Schneeballschlachten und Schlittenfahrten mit roten Wangen. Ich hätte nicht gedacht, dass es das auch hier in den Häuserschluchten gibt.

Manch miesgelaunter Mensch verflucht es schon: die Kälte, den Schnee, das Eis. Er versteht wohl nicht mehr das Besondere zu sehen, die Einzigartigkeit die sich uns gerade zeigt.

Auch ich kraksel mir meinen Weg über die Schneedünen und Schlittschuhbahnen auf den Bürgersteigen,
auch mir ist kalt. Aber ich fluche nicht, genieße es: die Ruhe, die Schönheit, die Andersartigkeit des winterlichen Moments.

Mit einem Lächeln betrachte ich die Decke aus Schnee.
Berlin, auch in weiß bist du wunderschön.