Auf der Suche nach Weihnachten

In meinem Kopf, Wortzauber

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In einer Zeit, die eigentlich so still sein sollte, so besinnlich, bin ich auf der Suche nach Ruhe, doch ich finde sie einfach nicht. Die Gedanken sind rastlos, reden unentwegt auf mich ein. Sie haben Pläne, sie haben Ziele, doch ich schaffe es nicht, ihnen zuzuhören, mit ihnen mitzuhalten. Mein Gehirn wäre nämlich lieber träge und starr, mein Herz eingeschneit, einsam, eingekuschelt in eine Decke vor einem knisternden Kamin. Die Termine und Deadlines türmen sich vor mir auf wie ein Kartenhaus, bereit mich jeden Moment unter ihnen zu begraben, also renne ich mit ihnen, neben ihnen oder vielleicht eher nur hinter ihnen her. Denn so schnell wie alle anderen bin ich nicht.
Was ist es nur mit dem Ende des Jahres, dass wir so in Stress geraten, dass wir uns nicht trauen, Langsamkeit zu wagen? Was ist es nur mit der Weihnachtszeit, dass wir lieber Dingen nachjagen, und dabei das Träumen, das Nachdenken vergessen? Hat denn niemand bemerkt, dass bald Weihnachten ist, oder haben es alle gemerkt, nur ich nicht? Sind denn alle so viel resistenter, so viel rasanter, so viel besinnlicher als ich? Vielleicht bin ich es nur, die ständig Ruhe sucht, auf Weihnachtsmärkten, in Kinderaugen, in Kerzen, Keksen und Musik. Vielleicht liegt es nur an mir die Ruhe in mein Herz zu holen, der Stille ab und zu zu erlauben, sich zu setzen, mit mir gemeinsam auf Nichts zu warten, bevor ich mich dann doch wieder mit allen anderen ins Getümmel schmeiß. Auf der Suche nach Ruhe, auf der Suche nach Weihnachten.

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Diesen Text gibt es auch zum Anhören:

Where do I go from here?

In meinem Kopf

Säulengang auf der Museumsinsel

Berlin spielt wieder Schneeweißchen und hat sich dank Minusgraden seinen schmutzigen Wintermantel angezogen. Auch die Restaurants und Bars auf dem nahen Ballermann der Simon-Dach-Straße haben ihre Sitzmöbel eingezogen wie eine Schildkröte ihren stummeligen Schwanz. Irgendwie ist das ja auch mal ganz schön, vor allem wo jetzt gerade die Sonne scheint sollte ich einfach das Haus verlassen und die Stadt genießen. Jetzt wo die Touristen und Erasmusstudenten lieber in Cafés sitzen statt draußen zu frieren, könnte die Stadt meine sein. Doch irgendetwas hält mich davon ab. Bin ich vielleicht schon so verdrossen, dass ich selbst diesen Tag nicht genießen kann, der wunderschönes verspricht. Habe ich so genug von den Abgründen aus Beton und den Abgase verbreitenden Tieren, die mir das Herz versteinern und den Verstand vernebeln.

Ich bin leicht bis mittelschwer verzweifelt. Wie lange halte ich das noch aus? Vielleicht sollte ich bei meinen Spaziergänge durch meine Hood akzeptieren, dass es sich bei meiner Kulisse um ein urbanes Moloch und nicht um eine wohltuende Waldoase handelt?

Vielleicht sollte ich runter zur Spree gehen, oder in den Plänterwald, oder vielleicht einfach nach Brandenburg fahren? Mal ganz ehrlich: Es ist einfach nicht das Gleiche. Ich habe fast immer in der Nähe von Feld und Wald gelebt, freie Flächen genossen, Stille und frische Luft, die einem den Kopf klar halten. Hier ist nichts davon. Ich bleibe zwar ruhig, muss aber für einen Moment weinen. Wo soll ich denn jetzt hin?

Ich habe wohl keine Wahl, stelle ich zermürbt fest. Mein Leben ist einfach passiert, hat seinen Mittelpunkt hierhin gelegt, ob ich es will oder nicht. Freunde, Liebe, Berufsaussichten –  alle sind sie hier. Nur ich irgendwie nicht. Mein Kopf und mein Herz sehnen sich nach etwas anderem, das nichts mit der engen und doch so weiten Großstadt zu tun hat. Ein unschuldiges Leben in Ruhe und Natur. Keine Menschen, keine Gebäude, keine Abgase. Kein Stress, keine Lautstärke, kein Druck. Ich bin zerrissen und laufe mir selbst hinter um die Fetzen aufzusammeln. Ja, ich werde melodramatisch. Zum Glück klingelt plötzlich das Telefon. Meine Eltern, die mich in Berlin besuchen wollen. Mir geht ein Licht auf: Wollte ich nicht immer hier sein, war das nicht immer der Plan? Sie kommen her, weil sie Abwechslung wollen – Berlin als Frischluf. Also werde ich das einfach auch tun. Ich buche ein Ticket in die Heimat und gehe hinaus, um die Aufregung der Stadt zu inhalieren.