In der Schleife der Zeit

Blog, In meinem Kopf

(c) Kathrin Eß 2016
Als ich vom Bildschirm meines Handys aufblicke, ist die Sonne bereits aus dem Garten verschwunden. Das Wissen, dass sie im Laufe des Tages ihren Weg auch nicht mehr zurückfinden wird, macht mich traurig. Es ist gerade mal 9:08 Uhr.
Die Tage werden immer kürzer und das Jahr und die Zeit im Allgemeinen rasen an mir vorüber. Ich schreibe To-Do-Listen, versuche effizient zu sein. Ich versuche den Moment zu leben, mich in Achtsamkeit zu üben. Ich versuche meine Zeit zu nutzen und scheitere doch kläglich, jeden Tag.
So oft überlege ich, ob das, was ich den ganzen Tag mache, überhaupt richtig ist, suche mich dann selbst, weiß nicht wer ich bin. Ich versuche zu kompensieren, überdenke mein Sein, meinen Schein. Ich will mich ändern, verändern, aber meistens mache ich dann doch nichts. Vielleicht ist eigentlich alles in Ordnung. Vielleicht muss ich gar nichts ändern. So richtig weiß ich es nicht.
Ich schätze, ja, irgendwie hoffe ich sogar, dass das eine Begleiterscheinung des Erwachsenwerdens ist. Dass ich noch formen will, wo längst schon eine Form entstanden ist. Dass ich nur ein Ausweg suche aus der Schleife der Zeit.
Denn am Ende der meisten Tage ist ja doch alles wieder ok, und eins weiß ich mit Sicherheit: Dass die Sonne morgen wieder kurz den Garten berühren wird, aber dass auch das nur eine Phase ist und sie wieder länger bleiben wird. Ja, am Ende der meisten Tage weiß ich, dass das der Fluss der Dinge ist, und dass ich darin schwimmen kann, egal wie stark seine Strömung ist.

Müdigkeit / In die Arme des Schlafs

Blog, In meinem Kopf, Mama K.Ess

Müde Frau / (c) Kathrin Eß 2016

Momentan bin ich oft sehr müde. So müde wie noch nie in meinem Leben zuvor. So müde, dass mir nicht nur beim Lesen, sondern auch, wenn ich selbst schreibe, die Augen zufallen. So müde, dass Kaffee nach 18 Uhr mir gar nichts mehr ausmacht. So müde, dass ich es schaffe binnen weniger Sekunden in den Schlaf zu fallen, wenn ich mich einfach nur hinlege. Mein Körper verlangt nach Schlaf und fordert ihn ein wo nur möglich.
Für mich ist das ein ganz fremdes Gefühl, denn eigentlich schlafe ich schon seit Jahren sehr wenig. Spät ins Bett, früh schon wach – das ist eigentlich eher mein Ding. Als Schülerin wollte ich oft lange schlafen, und danach, wenn ich feiern war oder weil es am Wochenende im Bett so gemütlich war. Trotzdem hab ich es nie gekonnt. Mein Körper brauchte es nicht.
Selbst in den ersten Monaten nach der Geburt meiner Tochter hat mir der Schlafverlust recht wenig ausgemacht. Doch jetzt ist alles anders. Die Tage mit einem Baby, das bald ein Kleinkind wird, sind anstrengender, ausgefüllter. Sie brauchen mehr Energie, mehr Kraft, mehr Konzentration. Es ist noch so fremd für mich, so eigenartig. Ich will es noch nicht akzeptieren, doch Schlaf ist mein Freund. Er will mir helfen, mir guttun, mich nicht aufhalten, sondern mich unterstützen bei den Anstrengungen des Lebens.
Aber ich bin lernfähig, auch wenn es schwer ist. Also lass ich das Schreiben sein, schließ die Augen und lasse mich einfach fallen – in die Arme des Schlafs.

/trænˈzɪʃən/

Blog, In meinem Kopf, Wortzauber

Go with the flow / Glückskeks (c) Kathrin Eß 2016Ich sehne mich nach Stillstand. Nur für ein paar Monate nichts Neues erleben, planen, fühlen. Wissen, dass keine Überraschungen auf mich warten, alles total vorausschaubar, alles an seinem Fleck.
Ich sehne mich nach Langeweile, wenigstens für ein paar Stunden. Nicht immer aufmerksam sein, einfach treiben lassen in der Leere, einfach berieseln lassen vom Staub, der auf mich herabfällt, während ich da so liege.
Gerade könnte alles ein bisschen gemächlicher sein: Weniger Speed, mehr Verinnerlichung, weniger Wechsel, mehr Monotonie. Projekte könnten ein Ende finden, Beständigkeit einen Anfang. Ja, das wäre ganz schön.
Aber eigentlich will ich dann doch nicht tauschen, eigentlich bin ich schon im puren Glück. Ich muss mich wohl dran gewöhnen, dass das Leben eine einzige Transitionsphase ist. Ich muss begreifen, das alles anders bleibt, muss einfach mitschwimmen, immer weiter, und dort Ruhe finden, wo es vermeintlich keine Ruhe gibt.

Immer auf der Suche: Wo finde ich mich selbst?

Blog, In meinem Kopf

Im Wald (c) Kathrin EßWir alle sind auf der Suche nach uns selbst. Mal mehr und mal weniger. Die Orte, an denen wir suchen, sind dabei mannigfaltig.
Ich persönlich habe schon früh mit dieser Suche begonnen – dementsprechend auch an vielen Orten. Ich suchte mich in der Musik, in Beziehungen, in Parties. Ich suchte mich, indem ich in anderen Ländern lebte oder sie bereiste. Ich suchte mich in der Wissenschaft, im Job, in der Joblosigkeit. Im Häkeln, im Bassspielen, im Schreiben.
Jetzt bin ich schon so lange an einem Ort, an dem ich niemals bleiben wollte. Auch habe ich keine Arbeit, obwohl ich mich immer über diese definierte. An mancher Stelle bringt mich das ins Grübeln. Bin ich richtig hier? Wer zum Teufel bin ich? Welchen Sinn erfülle ich für mich und die Gesellschaft?
Aktuell stecke ich meine Energie ins Schreiben, aber viel mehr noch darein Mutter zu sein. Ja, darin habe ich mich gefunden: Im Muttersein, in der Liebe, in Freundschaften und Familie. Doch andere Menschen können und dürfen mein Selbst nicht ersetzen. Ich muss also weiter suchen, sehne mich danach endlich DAS zu finden, was mich ausmacht.
Immerhin ist die Suche heute anders als früher. Schließlich habe ich über die Jahre, an all den Orten auch vieles für mich entdeckt. Ich weiß jetzt, dass man sich überall finden kann – und leider auch nirgends. Das WO bleibt weiterhin offen, nur das WIE scheint etwas klarer. Das Selbst ist keine Konstante, zum Glück bleibt man nicht immer gleich. Wer stetig weiter sucht, kann auch immer neues an sich entdecken: Neue Nuancen, Vorlieben, Talente. Genauso kann man diese aber auch wieder verlieren. Man schafft quasi Platz für das Neue.
Ich schätze, ich muss mich fürs Erste damit zufrieden geben, dass der Drang zu finden ein Teil unseres Spiels des Lebens ist. Es ist ein Spiel, bei dem der Weg das Ziel ist, und jeder ein Gewinner, der die Suche nicht aufgibt und offen für Veränderung ist.

Train of thoughts

Blog, In meinem Kopf


Es ist ein sehr alter Zug, in dem ich gerade nach Berlin reise. Und während die Landschaft an mir vorrüberzieht, und das Baby in meinen Armen selig schläft, fällt mir eine andere Fahrt, in einem ähnlichen Zug ein. Sie ist schon ein paar Jahre her, aber auch nicht so viele. Trotzdem scheint es mir, als sei sie eine halbe Ewigkeit her. Damals war ich noch so viel jünger, so viel verrückter und wilder, hatte ganz andere Freuden und Sorgen. Ich glaubte, schon alles zu kennen, nicht mehr im Leben zu brauchen als meine Freiheit. Doch ich wusste es ja auch nicht besser.Jetzt, während die Landschaft an mir vorrüberzieht, und das Baby in meinen Armen selig schläft, weiß ich, dass es Größeres, ja, Anderes gibt. Es ist auch wild, manchmal auch laut, doch es bindet mich. Es ist auch verrückt, braucht auch sein Chaos, wenn auch wenig Spontaneität. Es ist für mich gerade das Schönste auf der Welt. Doch ich weiß es ja auch nicht besser.

Die Unsicherheit (und das Leben der Anderen)

In meinem Kopf

FullSizeRender 8Ganz normal sitze ich beim Frühstück, browse Facebook, sehe mir so an, was die anderen Leute da von sich geben. Es ist wie jeden Tag. Die Anderen teilen und kommentieren, sie freuen und ärgern sich, sie lieben und sie hassen.

Eigentlich bin ich schon längst wieder zu etwas anderem übergewandert, doch dann ist sie da. Es ist völlig verrückt, nur ein Gefühl, rational erstmal nicht erklärbar, doch es macht mich nervös. Es ist die Unsicherheit, die langsam aus meinem Bauch heraus, über meinen Rücken kriecht und mich dann unangenehm am Nacken kitzelt, wie der Atem eines Fremden, der viel zu nah hinter einem an der Supermarktkasse steht. Tausende Male war sie schon da, jedes Mal kam sie selbstverständlich, doch heute ist das nicht so. Heute ist anders.

Die Unsicherheit kam normalerweise beim Betrachten des Leben der Anderen, so wie es nur auf Facebook und Konsorten möglich ist. Die Unsicherheit, kam ungefragt zu Besuch wie ein großes Fragezeichen, immer wenn ich in den sozialen Medien sah, was die Anderen anscheinend so aus ihrem Leben machten, was sie mochten, doof fanden, was sie konnten, wo sie sich gerade befanden. Die Unsicherheit ließ mich an meinem eigenen Leben, an meinem eigenen Weg zweifeln. Ist das gut, was ich mache? Sollte ich mir mehr Gedanken über dies oder jenes machen? Habe ich mein Leben bisher genutzt? Bin ich hier richtig?

Und plötzlich ist es so.

In meinem Kopf, Mama K.Ess

Sylt, Boardwalk, Open End, KathrinessIch stehe im Bad vor dem Spiegel und plötzlich wird mir klar, dass ich jetzt Mutter bin. Natürlich weiß ich das schon seit zwei Monaten und zusätzlich hatte ich davor acht Monate Zeit, mich darauf vorzubereiten. Doch so richtig ist es erst jetzt in meinem Kopf angekommen. 

Es ist keiner dieser romantischen Momente der Glückseligkeit. Wenn ich ehrlich bin, sind meine Empfindungen in diesem Augenblick der Erkenntnis recht sachlich. Eher nach dem Motto: „Aha, so ist das also.“ Denn plötzlich weiß ich: Ich bin in einem neuen Hier und Jetzt angekommen, einer neuen Rolle, einem neuen Selbst.

Der Mensch macht viele solcher Entwicklungen in seinem Leben durch, kommt immer wieder an einen solchen Punkt, denn er denkt in Lebensstadien, die zu erreichen sind. Während er sich noch in dem einen Stadium befindet, baut er Vorstellungen und Erwartungen über das nächste, oder vielmehr noch, über alle auf, die in Zukunft potentiell zu erreichen sind.

Anfangs denkt man noch Schrittweise. Wenn man im Kindergarten ist, denkt man z.B. erst einmal nur über die Grundschule nach. In der Grundschule erweitert sich die Lebensplanung dann aber schon. Man macht sich Gedanken über alles was das Leben so bringen könnte: Die nächste Schule, Beruf, Erwachsensein. Auf der weiterführenden Schule geht das so weiter, ebenso in der Ausbildung oder im Studium. Immer scheint alles so fern – und immer kommt es dann schneller als man denkt.

Ich weiß noch, wie ich auf dem Gymnasium und meiner Zeit in England noch ständig über das Studieren nachdachte, und dann war ich plötzlich Student. Und noch viel schneller hatte ich fertig studiert. Ich erinnere mich auch nur zu gut, wie ich meinen ersten Job begann. Am Anfang war es noch aufregend, und ganz plötzlich war es dann Normalität.

Viel plötzlicher war ich sogar verheiratet. Plötzlich die Frau von einem Mann. Ähnlich wie das Muttersein, gehört das Verheiratetsein zu den Dingen, über die man schon recht früh im Leben Gedanken macht. Will ich heiraten und Kind haben? Das ist die Frage, die man sich immer wieder gestellt und wahrscheinlich auch – je nach aktueller Lebenslage – anders beantwortet hat.
Es gab lange Phasen in meinem Leben in denen ich mir beides nicht vorstellen konnte, und dann plötzlich aber schon. Und dann ging alles ganz schnell. Plötzlich war ich Frau Eß, jetzt sogar Mama Eß.

Was steht mir nun also noch bevor, jetzt wo ich in diesem Stadium angekommen bin, was lange Zeit so weit entfernt schien? Karriere? Alt werden? Oma werden? Das Unvermeidliche?

Keine Vorbereitungszeit der Welt kann reichen um einen auf eine solche neue Rolle vorzubereiten. Man springt irgendwie immer ins kalte Wasser. Am Anfang treibt man noch, oder man strampelt um sein Leben, doch irgendwann schafft man es dann zu schwimmen. Und dann fängt man wieder an zu denken, zu atmen, zu leben. Und man merkt, dass in der Bewegung das Wasser dann doch nicht so kalt ist.

„Alles gut also“, denke ich, als ich vom Spiegel wegtrete und mich wieder voll und ganz meiner neuen Rolle widme.

Maulwurfstage

In meinem Kopf, Mischief

Es gibt so Tage, da fühlt man sich in jeder Hinsicht sichtlich beeinträchtigt. Wie ein Maulwurf hat man sich an die Oberfläche aus dem Schlaf gewühlt, nur um festzustellen, dass man sein Umfeld eigentlich nur verschwommen wahrnehmen kann. Der Grund aus dem diese Fehlsichtigkeit, die Schwammigkeit der eigenen Sichtweise, entspringt, kann dabei so vielschichtig sein, wie die Erde aus dem sich der kleine pelzige Grubenarbeiter gerade hochgeschoben hat. Physisch: Weil müde und erschöpft, krank oder durch eine akute sichtliche Problematik gehemmt (wie zum Beispiel eine fehlende Kontaktlinse). Psychisch: Weil depressiv, egomanisch oder noch vom Rausch der letzten Nacht mit imaginären Wattepads vor den Augen versehen. Emotional: <weil manchmal halt (vermeintlich) alles im Leben schief läuft, und man seine Gedanken und sein Blickfeld einfach nicht fokussieren kann.

Aber egal was dieser Grund auch ist: Manchmal tut es ganz gut, sich wie ein Maulwurf zu fühlen und die Dinge, die sich da an der Oberfläche abspielen nicht mehr so ganz erkennen zu können (oder zu müssen). In diesem Fall darf man dann auch einfach mal Maulwurf sein und sich wieder in der Erde verkriechen. Und dann gibt es am Ende des Tages ja doch (fast) immer eine Lösung. Auch wenn sie bedeutet, sich einfach nur an das Tageslicht der Situation zu gewöhnen, sich eine Sehhilfe zu verschaffen oder einfach nur so tun, als ob man klar sieht.

Und mit viel Glück reibt man sich dann die Augen, bis die Welt  wieder deutlich erkennbar ist und sagt: „Ich bin manchmal Maulwurf, und das ist auch gut so!“

Das Leben gegenüber

In meinem Kopf

Berlin abends im WinterIch schaue aus dem Fenster hinein in ein anderes, gegenüber der von mir gerade besuchten Wohnung. Zwei kleine Mädchen sitzen dort und essen Abendbrot. Beide sind nicht älter als zehn, haben lange dunkle Haare und sind wahrscheinlich Schwestern. Süß sehen sie aus, wie sie sich ihre Brote schmieren und ihrer Mama (wie ich vermute, die ich von hier aus aber nicht sehen kann) erzählen und dabei lachen. Familie. Familie in Berlin.

Ich ertappe mich dabei, dass ich dieser Szenerie doch schon etwas länger zugeschaut habe. Fasziniert bin ich von ihr. In Gedanken stelle ich mir heimlich vor, wie unsere Kinder wohl mal aussehen. Werden es Mädchen sein oder Jungs? Haben sie unsere blauen Augen und hellen Haare? Wie viele sind es? Werden wir auch so viel Freude an ihnen haben, wenn sie in der Küche sitzen und uns von ihrem Tag erzählen?

Es ist seltsam sich das vorzustellen. So als wären wir andere Personen und nicht die, die wir jetzt sind. Ich bin Ende zwanzig. Ein Alter in dem meine Mutter lange verheiratet war und bereits zwei Kinder zur Welt gebracht hatte. Und nicht nur damals war das so. Viele meiner ehemaligen Schulfreundinnen sind verheiratet und haben eine Familie. Manche sogar schon ein Haus. Natürlich noch in der Kleinstadt, die ich einst verließ.

Es ist nicht, dass ich sie um ihr Leben beneide. Ich frage mich nur manchmal, wann ich diese Erwachsenheit, diese personifizierte Verantwortung selbst darstellen werde. Ich habe noch genug Probleme selbst auf mich aufzupassen, Ordnung zu halten, Entscheidungen zu treffen. Ein ziemlich altes Kind. Verspielt und verträumt.

Aber irgendwie dann auch doch zu erwachsen. Eigentlich ist das ganz schön. Man lebt so, wie man es sich als Kind bzw. Jugendlicher immer gewünscht hat. Geld haben (zumindest meistens), eine schöne Wohnung (wenn sie dann mal aufgeräumt ist), lange feiern und ausschlafen, immer das machen, was man will. Es ist doch irgendwie perfekt.

Und dann doch nicht. Ende zwanzig sein, bedeutet auch, dass man seinen Ratio nicht mehr ganz von seinem Hormonspiegel trennen kann. Die biologische Uhr tickt und spielt zu jeder vollen Stunde die Glockenmelodie des Familienglücks. Wenn ich ehrlich zu mir bin, mag ich diese Melodie. Ihr Lied kann ich noch nicht mitsingen, aber anhören tue ich es mir gern. Ich habe noch Zeit ein wenig selbst ein Kind zu sein. Und trotzdem schaue ich gerne über den Hof hinüber und freue mich auf die Zeit, wenn es dann so weit ist.