Das kleine Glück

In meinem Kopf

 Kleines Glück (c) Kathrin Eß 2018

Manchmal bin ich eine Schlafwandlerin am hellichten Tag. Meine Träume begleiten mich, obwohl ich längst aufgewacht bin. Meine Gefühle verdrehen die Grenzen zwischen Traum und Realität, zwischen Magie und Alltag. An solchen Tagen kitzelt mich der Schnee zum Frühlingsanfang, erzählt mir Geschichten von der Schönheit der kleinen Dinge. An solchen Tagen weiß ich das Glück zu packen, und es mir unter den Arm zu klemmen. An solchen Tagen weiß ich, es für andere mitzunehmen und ihnen zu schenken….

Bild & Text (c) Kathrin Eß, 2018

/trænˈzɪʃən/

Blog, In meinem Kopf, Wortzauber

Go with the flow / Glückskeks (c) Kathrin Eß 2016Ich sehne mich nach Stillstand. Nur für ein paar Monate nichts Neues erleben, planen, fühlen. Wissen, dass keine Überraschungen auf mich warten, alles total vorausschaubar, alles an seinem Fleck.
Ich sehne mich nach Langeweile, wenigstens für ein paar Stunden. Nicht immer aufmerksam sein, einfach treiben lassen in der Leere, einfach berieseln lassen vom Staub, der auf mich herabfällt, während ich da so liege.
Gerade könnte alles ein bisschen gemächlicher sein: Weniger Speed, mehr Verinnerlichung, weniger Wechsel, mehr Monotonie. Projekte könnten ein Ende finden, Beständigkeit einen Anfang. Ja, das wäre ganz schön.
Aber eigentlich will ich dann doch nicht tauschen, eigentlich bin ich schon im puren Glück. Ich muss mich wohl dran gewöhnen, dass das Leben eine einzige Transitionsphase ist. Ich muss begreifen, das alles anders bleibt, muss einfach mitschwimmen, immer weiter, und dort Ruhe finden, wo es vermeintlich keine Ruhe gibt.

Im Nieselregen

In meinem Kopf

Baum mit roten Blättern / Nieselregen / Herbst in BerlinEin sanfter Regen nieselt leise auf den Stoff meiner Kapuze, und während ich mich frage, wieso der Wetterbericht eigentlich nie die Temperatur ansagt, die ich fühle, schwitze ich in Wollpulli und Regenmantel.
Kurz halte ich in einem Laden, in dem der Verkäufer mir von seiner letzten Nacht erzählt, die ihn heute zum langsamen Zombie mache. Getrunken und Musik gemacht habe er am Vorabend, und das, obwohl er schon Mitte vierzig sei.
Ich weiß nicht, warum ausgerechnet mir alle Leute immer einen Schwank aus ihrem Leben erzählen, aber während er das tut und ich noch stärker in meinem Wollpulli schwitze, weiß ich, dass ich ihn beneide.
Das letzte Mal Musik gemacht habe ich vor zwölf Monaten, der letzte richtige Rausch ist viel länger her. Beides fehlt mir, aber beides geht gerade einfach nicht.
Ich sinniere darüber, während ich weiter gehe. So sehr, dass ich auf dem Schild an der Tür des Kindergartens, an dem ich vorbeilaufe, etwas von „alkoholbedürftigen Eltern“ lese. Ich lache und will schon mein Handy zücken um das zu fotografieren, als ich sehe, dass da „abholbedürftig“ steht.
Lieber mache ich mich also wieder auf den Weg und konzentriere mich auf das Kind, das ich im Kinderwagen vor mir her schiebe und das gerade friedlich einschläft. Was ein Glück!
Glücklich macht mich auch der Baum mit den leuchtend roten Blättern, den ich unterwegs sehe und für den ich dann doch noch mein Telefon zum Ablichten aus der Tasche krame.
Mehr Glück – auch für andere Lebensbereiche – erhoffe ich mir, als ein Schornsteinfeger auf der anderen Straßenseite an mir vorbeiläuft. Doch beim genaueren Hingucken wird mir klar, dass das nur ein „normaler“ Typ mit Zylinder ist.
Glück braucht auch der Junge, der vor mir seinen hyperaktiven Hund an der Leine durch die Gegend zerrt. Denn gerade als er mir zulächelt – wahrscheinlich um in meinem Blick Verständnis für seine Lage zu finden – entschlüpft der Hund seinem Halsband und rennt davon. Kurz blicke ich den beiden hinterher und hoffe, dass der Hund sich bald fangen lässt.
Dann gehe ich weiter – langsam, viel zu langsam – und lausche unter meiner Kapuze dem Nieselregen.

Herzensmenschen

In meinem Kopf

Herz aus Händen geformt / heart made with handsEs gibt Freunde, und es gibt Freunde.

Über die vielen kurzen und langen Jahre des Lebens sammelt man eine ganze Menge Menschen um sich herum an. Man kategorisiert sie, überdenkt die Beziehung zu ihnen, sortiert aus oder neu, und sammelt weiter.

In den mehr als dreißig Jahren meines Lebens war ich eine recht fleißige Sammlerin – hinweg über persönliche, berufliche und geografische Stationen. Doch nicht jeden Menschen, den ich traf und als Freund bezeichnete, konnte ich bis heute halten.

Viele Menschen, die ich einstmals wichtig fand, haben mein Leben wieder verlassen. Man hat sich aus den Augen verloren, entwickelte sich in andere Richtungen – aus Freunden wurden Bekannte oder manchmal sogar Fremde. So wird das in Zukunft natürlich auch mit Menschen geschehen, die gerade eine Rolle spielen. Alles was dann bleibt sind vielleicht ein paar Fotos und die Erinnerung an eine Verbindung, die so nicht mehr existiert.

Andere zählen nicht mehr zu den engsten Freunden, weil es aus zeitlichen und räumlichen Gründen nicht geht. Dennoch bleiben sie im Herzen. Man hält quasi einen Platz für sie dort frei – für später einmal oder einfach für das gute Gefühl. Denn wären sie in der Nähe, und hätte man nicht immer so furchtbar viel zu tun, würde man sie doch noch zum engeren Kreis zählen. Und vielleicht sieht oder schreibt man sich sogar nach Jahren noch einmal und freut sich darüber, dass man aneinander denkt. Doch mehr geht gerade nicht. Das weiß man, das ist nicht mehr weiter schlimm.

Und dann gibt es noch die Herzensmenschen. Die, mit denen man etwas mehr teilt als „nur“ Freundschaft, nämlich eine tiefe Verbindung, die man selbst nicht so recht erklären kann. Es sind die, die einen blind verstehen, die einem trotz oder gerade in ihrer Andersartigkeit so ähnlich sind. Die, die das Herz erobert haben, und die einen selbst fest darin einschließen. Die, die einem immer nah sind, wenn auch nicht unbedingt geografisch und zeitlich passend, und bei denen man sich mit der Kontaktlosigkeit auch nicht zufrieden gibt. Mit Herzensmenschen kann man wochen- oder monatelang nicht kommunizieren, aber trotzdem sind sie mit nur einem Wort wieder am Start, erwecken mit einem das wohlig warme Gefühl der Vertrautheit wieder zum Leben – so als ob man sich gestern noch gesehen hätte.

Wer schön sein will…

In meinem Kopf

Nagelset: Schönheit = Leid?Wer schön sein will, muss leiden. Zuletzt ging mir dieses Sprichwort durch den Kopf, als morgens früh eine Frau auf High Heels an mir vorbei stakste. Sie sah unbeholfen aus, den Oberkörper leicht nach vorne gebeugt um sich auf den Beinen zu halten, dieselbigen unnatürlich verkrampft damit die Vorwärtsbewegung auch tatsächlich gelang. Für einen Moment tat sie mir leid, weil sie sich so unbequem fortbewegen musste. Dann wurde mir klar, dass sie dieses Schicksal selbst gewählt hatte, wahrscheinlich sich ebenfalls sagend, dass zum Schönsein ebendieses Leiden hinzugehöre. Das Problem war leider nur zu deutlich: Sie sah dank ihres Leidens gar nicht mal so schön aus.

Die menschliche Leidensfähigkeit ist, wenn es um den Wunsch optischer Optimierung geht, wirklich beachtlich. Man quält sich durch Fitnessprogramme, Diäten, Haarentfernungen und weitere Folterrituale. Ich persönlich habe eine sehr geringe Schmerzgrenze, weshalb ich zu großes Leiden für die Schönheit schon immer abgelehnt habe. Schon das Zupfen meiner Augenbrauen finde ich so unangenehm, dass ich es nur dann mache, wenn wirklich nötig. Generell ist mir Schönheit, aber wahrscheinlich generell nicht so wichtig wie anderen, zumindest nicht nach den heutigen Konventionen. Ich mag eine grundlegende Ästhetik, d.h. es reicht mir schon, wenn Menschen ordentlich und rein aussehen und ihre Kleidung farblich abpassen. Man sollte seinem Umfeld mit seinem Äußeren nicht wehtun, das ist meine Devise. Natürlich erfreue ich mich auch manchmal über besonders gelungene Exemplare, aber wie gesagt, ist es mir einfach nicht wichtig. Ich habe schon mein ganzes Leben das Gefühl, es gäbe besseres zu tun, als sich stundenlang zu stylen. Mein Glück suche ich an anderen Orten.

Aber ich weiß natürlich auch, dass meine sehr grundlegende Idee von Schönheit nicht auf alle zutrifft, dass viele ihr Glück in Schönheit sehen und auch Leid deshalb relativ ist. Was mir als Qual erscheint, ist dem anderen vielleicht eine Wonne. Viel Sport treibt den Adrenalinspiegel hoch, Schminkexzesse wirken auf manche entspannend. Vielleicht ist es aber auch so, dass man mit der Zeit schmerzunempfindlicher wird. Ist es am Ende ist vielleicht sogar nicht der Weg zur Schönheit, der hier wichtig ist, sondern das Ergebnis? Die Frau auf den hohen Schuhen hat hoffentlich ihr Ziel erreicht und fühlt sich viel schöner acht Zentimeter höher, auch wenn ihr abends die Füße weh tun. Vielleicht sollte man das Sprichwort einfach erweitern: Wer schön sein will, muss manchmal leiden, sollte aber am Ende auch so richtig glücklich sein.