Das kleine Glück

In meinem Kopf

 Kleines Glück (c) Kathrin Eß 2018

Manchmal bin ich eine Schlafwandlerin am hellichten Tag. Meine Träume begleiten mich, obwohl ich längst aufgewacht bin. Meine Gefühle verdrehen die Grenzen zwischen Traum und Realität, zwischen Magie und Alltag. An solchen Tagen kitzelt mich der Schnee zum Frühlingsanfang, erzählt mir Geschichten von der Schönheit der kleinen Dinge. An solchen Tagen weiß ich das Glück zu packen, und es mir unter den Arm zu klemmen. An solchen Tagen weiß ich, es für andere mitzunehmen und ihnen zu schenken….

Bild & Text (c) Kathrin Eß, 2018

Die Baustelle

Gedicht

Baustelle Berlin (c) Kathrin Eß 2018

In Berlin wird gebaut
Unermüdlich, Stein auf Stein
Das war schon immer so
Und wird niemals anders sein

In Berlin ist es kalt
Menschen frier‘n, Menschen schimpfen
Laufen nur schnell vorbei
Wegschaun, Nasen rümpfen

Ich bin zu lange hier
Wollt’ nicht bleiben, sitze fest
Bin eine von vielen
Die ihr schließlich doch vergesst

Berlin ist halt anders
Tag ist Nacht und Nacht ist Tag
Und ich stelle fest,
dass ich diese Stadt
sogar im tiefsten Winter mag

Für die Kunst

In meinem Kopf
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Ich fahre jetzt wieder jeden Tag in die Stadt hinein. Hin und zurück, Bus und Bahn. Auftrag beim Kunden. Arbeit im Büro. Vor ein paar Jahren habe ich das schon einmal gemacht. Gleiche Firma, anderer Job, andere Umstände, anderes Leben.
Das bedeutet, dass ich das alles kenne. Der Weg fängt etwas früher an. Andere Haltestelle. Doch er ist eigentlich der gleiche. Gleiche Strecke, gleicher Bahnhof, gleiche Treppe, gleiche Akkordeonspielerin, gleicher Fußweg, gleiches Haus, gleicher Fahrstuhl. Sogar das Tagesgericht, das der Italiener auf dem Weg an seine Tafel schreibt, ist immer noch das gleiche. Nichts hat sich geändert. Und absolut alles.
Viel Wasser ist die Spree heruntergeflossen. Ein Kind wurde geboren. Ein neues Zuhause gefunden. Ein Lebensweg eingeschlagen, der alles in eine andere Perspektive rückt.
Damals, als ich zum ersten Mal in dem Büro arbeitete, war dieser Lebensweg nur eine Idee. Eine Wunschreise, von der ich träumte, während ich zwar schon von alten Pfaden abgekommen war, aber noch in ihrer Nähe trottete, aus Angst mich zu verlieren. Doch dann, irgendwann, bin ich losgelaufen. Weg vom Alten. Noch unsicher und wackelig, aber Hauptsache weg.
Zwischenzeitlich habe ich Reiseführer und Atlanten gewälzt, habe Pläne geschmiedet und verworfen, habe meine Route mehrmals angepasst, mich immer wieder neu erfunden, immer wieder neu entdeckt.
Ich weiß nun, was ich will, wohin ich will, auch wenn ich den Weg, und das, was darauf lauert, immer noch nur fragmentarisch kenne.
Trotz dieser Gewissheit ist es schwierig. Jeden Tag. Alte Ängste vergehen nicht so schnell. Warten darauf, endlich wieder an die Oberfläche zurückzukehren, um mich zu bremsen, um mich zurückzuschicken, dahin, wo ich war, wohin ich nicht mehr will.
Die Ängste singen das Lied vom Leben mit der Kunst. Davon, dass man VON ihr nicht leben kann. Zumindest aktuell. Doch, was die Ängste nicht wissen: Ohne Kunst lebt es sich – zumindest in meinem Fall – nur schlecht. Ohne die Kunst hat die Luft keinen Sauerstoff, die Nahrung keinen Gehalt, die Liebe kein Glück.
Also entscheide ich mich für sie. Wieder und wieder. Nehme meinen Mut zusammen und die Angst bei der Hand. Fahre mit ihr nun wieder in die Stadt hinein. Für eine Weile, jeden Tag. Für mein Leben. Für die Kunst.

Angst, Zuversicht & Liebe

In meinem Kopf
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Der Kater ist bereits vorüber, der letzte Feuerwerkskörper längst verglüht. Nur noch die Fetzen der Luftschlangen im Wohnzimmer und der Raketen auf den Straßen erinnern an das, was gestern war, und der Kalender präsentiert den Januar bereits, als sei das die natürlichste Sache der Welt. Ist es ja auch. Die Jahre wechseln sich, tauschen sich aus, ohne Rücksicht zu nehmen auf die, die sie leben. Mit dem Alter werden sie erbarmungsloser, immer mehr. Wir jagen ihnen nur so hinterher, ahnungslos, was sie wohl bringen mögen.
Auch ich gehöre zu den Jägern der Zeit, rase mit den Zeigern, Zahlen und Kalenderblättern, bleibe dabei jedoch erfolglos, denn niemals hole ich sie ein. Trotzdem versuche ich es, fasse Ziele ins Auge, hoffe, dieses Mal mit der Zeit Schritt zu halten, jogge neben ihr her. Zumindest ein bisschen. Bis sie wieder an mir vorbeizieht, hämisch lacht und mich keuchend zurücklässt.
Dieses Jahr scheint es mir sogar noch wichtiger die Zeit als meinen Verbündeten zu wissen. Dieses Jahr werde ich, ja, muss ich Dinge anpacken. Die Dinge, die ich vorher nicht gewagt habe, zu denen ich zuvor niemals den Mut hatte. Ich will Wege gehen, die ich bislang für unmöglich hielt, werde meine Komfortzone – dieses gemütliche kleine Nest – verlassen, die Flügel ausbreiten, kräftig flattern und dann sehen, wohin der Wind mich trägt. Ich freue mich auf diese Wege, auf ihre Steine und Steigungen, auf ihre Ausblicke und auf das, was ich aus ihnen lernen werde, auch wenn das Ziel nur schemenhaft erkennbar ist. Zum ersten Mal weiß ich, dass der Weg nämlich schon ein Teil des Ziels ist, auch wenn das noch so abgedroschen klingt.
Natürlich ist da auch immer noch die Angst – zu scheitern und vor der eigenen Courage sowieso. Aber diesmal begrüße ich sie, heiße sie als meinen Begleiter willkommen, denn nur so kann sie sich nicht mehr in meinen Weg stellen. Also gehe ich heute los, mit ein wenig Angst und großer Zuversicht, aber vor allem auch mit viel Liebe. Denn sie ist dieses Jahr der Antrieb, vor allem als Liebe zu dem, was ich tue, aber ganz besonders auch, weil es einen kleinen Menschen in meinem Leben gibt, für den ich das alles tue. Einen kleinen Menschen, dem ich zeigen will, dass nichts unmöglich ist, dass man sich immer wieder finden kann, auch wenn man sich selbst verloren glaubte. Sie, deren Liebe die größte Belohnung ist. Sie, der ich alles geben und ermöglichen will. Das war mir niemals so klar wie jetzt.
Also gehe ich meinen Weg. Für mich und für sie. Mit tollen Menschen an meiner Seite. Mit Angst, Zuversicht und Liebe.

Auf der Suche nach Weihnachten

In meinem Kopf, Wortzauber

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In einer Zeit, die eigentlich so still sein sollte, so besinnlich, bin ich auf der Suche nach Ruhe, doch ich finde sie einfach nicht. Die Gedanken sind rastlos, reden unentwegt auf mich ein. Sie haben Pläne, sie haben Ziele, doch ich schaffe es nicht, ihnen zuzuhören, mit ihnen mitzuhalten. Mein Gehirn wäre nämlich lieber träge und starr, mein Herz eingeschneit, einsam, eingekuschelt in eine Decke vor einem knisternden Kamin. Die Termine und Deadlines türmen sich vor mir auf wie ein Kartenhaus, bereit mich jeden Moment unter ihnen zu begraben, also renne ich mit ihnen, neben ihnen oder vielleicht eher nur hinter ihnen her. Denn so schnell wie alle anderen bin ich nicht.
Was ist es nur mit dem Ende des Jahres, dass wir so in Stress geraten, dass wir uns nicht trauen, Langsamkeit zu wagen? Was ist es nur mit der Weihnachtszeit, dass wir lieber Dingen nachjagen, und dabei das Träumen, das Nachdenken vergessen? Hat denn niemand bemerkt, dass bald Weihnachten ist, oder haben es alle gemerkt, nur ich nicht? Sind denn alle so viel resistenter, so viel rasanter, so viel besinnlicher als ich? Vielleicht bin ich es nur, die ständig Ruhe sucht, auf Weihnachtsmärkten, in Kinderaugen, in Kerzen, Keksen und Musik. Vielleicht liegt es nur an mir die Ruhe in mein Herz zu holen, der Stille ab und zu zu erlauben, sich zu setzen, mit mir gemeinsam auf Nichts zu warten, bevor ich mich dann doch wieder mit allen anderen ins Getümmel schmeiß. Auf der Suche nach Ruhe, auf der Suche nach Weihnachten.

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Diesen Text gibt es auch zum Anhören:

Die Gefühle

Wortzauber

IMG_9308Was ist, wenn du ein Gefühl hast, das du nicht rauslassen kannst, wenn es sich festsetzt, wie Haare in einem Ablussrohr, dort ganz langsam ein Barriere bildet, undurchdringlich für alle anderen Gefühle? Was ist, wenn sich diese anderen Gefühle dann dahinter aufstauen, immer fester drücken, das Rohr fast zum brechen bringen? Wirst du einfach nur in deinen Gefühlen herumstochern, mit einem Draht zu fein, um etwas auszurichten, zu stark um es nicht noch mehr zu verschlimmern? Wirst du schließlich zu härteren Mitteln greifen, bis deine Gefühle nur noch eine weiße Suppe sind, in der du langsam davon spülst? Wirst du sie zutage fördern, dich mit ihrer Abartigkeit auseinandersetzen, mit dem Klumpen, der sie inzwischen geworden sind? Oder wirst du warten bis das Rohr schließlich bricht, und du in einem Scherbenhaufen sitzt, aber auf deiner Hand deine Gefühle?

Der Gärtner

Wortzauber

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Und so stehe ich hier, mit Gummistiefeln und Handschuhen, mit Schaufel und Schere, in der Wildnis meiner Gedanken, weiß wie so oft nicht, wo ich beginnen soll. Ich kann nicht unterscheiden, was ist Unterkraut, was sind Pflanzen, begreife nicht, was weg muss, was mir am Ende einen Nutzen zollt. Also beginne ich einfach, buddle hier, schneide dort. Ich pflanze und sähe, behalte und schmeiße fort. Ich forme, was ich mag, ich schenke ihm Raum, lass es gedeihen. Ich höre nie auf, selbst im Winter nicht, verbringe jeden Tag im Freien. Ich sehe die Schwielen an meinen Händen, die gebückte Haltung meines Seins. So pflege ich meine Seele, bin der Gärtner meines Schicksals, der Gestalter meines Scheins.

Die bunte Seele

Wortzauber

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Ach, Herbst. Du bist doch auch nur der Frühling des Winters. Bewegst dich in ewiger Tansition als Überbringer des Neuen, des Kontrasts zu dem, was gestern war. Ich muss ja gestehen, ich mag dich, Herbst. Du bist hübsch anzusehen, mit deinen vielen Farben, bist gemütlich, egal ob warm oder nass. Bist nicht beständig in deinem Streben, bist mal regnerisch, mal sonnig, mal stürmisch. Du weißt halt zu überraschen, Herbst, bist ein Dickkopf durch und durch. Wir können dir nur zusehen, uns deinem Willen fügen. Wir nehmen dich an, machen das beste aus dir, mit dem Gesicht in Sonne oder Nebel, unter Mütze oder Regenschirm. Wir werfen Blätter, sammeln Kastanien, tragen Laternen von Haus zu Haus, trinken Tee, machen Feuer und lesen Geschichten. Wir basteln aus dem, was du uns vor die Füße wirfst, trotzen so deinen langen Schatten. Ach, Herbst, ich mag dich, in der Vielzahl deiner Form, in deiner Unbeständigkeit, deiner sanften Rauheit. Ich mag dich, lieber Herbst, dich und deine bunte Seele.

Brief an die Angst

In meinem Kopf

Hallo Angst, ich mag dich nicht.
Du unterbrichst mein normales Leben, dann, wenn es mir überhaupt nicht passt. Du bist die Erinnerung daran, dass alles jeden Moment vorbei sein könnten: der Alltag, das Gute, das Schöne. Unterbrochen, zerrüttet, neugeboren in einer Welt von Schwermut, von Schmerz.
Ich würde dich lieber ignorieren. Ist doch viel einfacher, viel netter ohne Dich. Aber gerade geht das einfach nicht. Gerade bist du nicht mehr weit entfernt, stehst vor meiner Haustür, klopfst täglich an. Du schleichst dich in mein Internet, schaffst immer wieder den Sprung in meinen Kopf und schließlich in mein Herz.
Am Sonntag entscheiden wir über die Richtung, in die dieses Land gehen wird, daher kommt meine Angst. Es ist die Angst davor, dass die eine Stimme bekommen, die sich von der Angst anderer ernähren, die sie deshalb schüren, immer mehr Benzin kippen in ein Feuer, das eigentlich ausgelöscht sein sollte. Es sind die, die aus der Geschichte nichts gelernt haben, die, denen ein Menschenleben scheinbar egal ist, solange es nicht das eigene ist. Die, die Profit ziehen aus dem Elend anderer, die sich selber das Wort herumdrehen, bis sich dem einen Zuhörer der Magen verkrampft und der andere seinen Hass in die Welt hinaus brüllen möchte.
Sie sind es, die mir Angst machen. Die, die der Angst der anderen eine Heimat versprechen, die gar nicht existieren darf. Denn statt eine Lösung der Probleme zu bieten, suchen sie nach einem Sündenbock. Statt ihren Anhängern eine Stimme zu geben, lassen sie sie nur schreien, so dass niemand ihr Wort versteht. Statt an die Vernunft zu appellieren, schüren sie den Hass. Statt zu vereinen, treiben sie immer mehr den Keil zwischen uns, die eigentlich miteinander reden, einander verstehen sollten.
Ja, Angst, du kommst von ihnen. Sie sind die Väter und Mütter meiner Angst, die, die die Gesellschaft, so wie ich sie gerne hätte, verdammen. Die, die nicht bunt sein wollen und voller Liebe, sondern lieber braun und voller Hass. Ich weiß, dass es die gibt, die ihnen Glauben schenken, weil ihr Leben von Grund auf vielleicht nicht bunt ist. Es gibt die, die sich nach etwas sehnen, was längst vergangen ist, und von dem sie nicht verstehen, dass es nicht gut war. Es gibt die, denen der Weitblick fehlt, der feste Standpunkt um voraus zu schauen, die glauben, dass sowieso alles richtig ist, was war. Es gibt die, die Angst haben, weil sie vor allem Angst haben, was fremd und neu ist. Und es gibt die, die Angst haben abzugeben, die nicht gönnen, nicht teilen wollen, die unter sich bleiben möchten, auch wenn andere dafür alles verlieren müssen. 
Im Grunde genommen habe ich mit diesen Menschen nur eines gemeinsam, und das bist du, die Angst. Du, mit nur einem deiner vielen Gesichter. Ich frage mich, warum wir sie uns nicht gegenseitig nehmen, warum wir nicht aufeinander zugehen, miteinander reden. Vielleicht weil ich weiß, dass auch darin die Angst steckt. Denn, was die anderen wünschen, fürchte ich, und so geht es ihnen mir gegenüber vielleicht auch. Und doch unterscheide ich mich so grundlegend von ihnen. Denn meine Antwort auf dich, Angst, ist nicht mehr Ablehnung und Hass. Meine Antwort ist mehr Toleranz, mehr Liebe. 
Nun weißt du’s, Angst, ich mag dich nicht. Also pack doch deine Sachen und verschwinde. Vielleicht können wir uns dann gegenseitig wieder als Menschen sehen, und dann gemeinsam gehen. In eine bessere Zukunft.